Von der Weisheit Gottes (1.Korinther 2,1-10)
Gottesdienst am 15.01.2012

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
in den Weihnachtstagen besuchten wir einen Streichelzoo im Schwarzwald. Besonders das Meerschweinchengehege hatte es mir angetan. Ein paar spärliche Grashalme verfütterte ich den Tieren, die sich gierig gegen den Maschendrahtzaun drängten. Jeder wollte der Erste sein, die Kleinen wurden abgedrängt, denn das Ziel war ganz klar, jedes Meerschweinchen wollte selbst satt werden. 

Wir beobachteten das geschöpfliche Urverhalten nach den Paradies-Zeiten. Jeder sorgt für sich selbst, auch auf Kosten anderer. Es ist ein Überlebenstrieb, der in uns steckt. Wer sich nicht um sich selbst kümmert, wird irgendwann verhungern.

Dieses Urverhalten liegt uns im Blut, es ist angeboren. Die Bibel nennt es „Weisheit der Welt“. Obwohl wir darunter leiden und uns verstandesmäßig klar machen, dass Leben auf Kosten anderer niemals Frieden bringen kann, schaffen wir keine Abhilfe. Trotz bester Absichten bleibt jeder sich selbst der Nächste. So ist es nur folgerichtig, dass Menschen, die ihr Leben für andere riskieren und mutig für andere eintreten, mit Bürgermedaillen und Urkunden ausgezeichnet werden. Es ist eben nicht der Normalfall.

Paulus hatte die Gemeinde in Korinth gegründet. Menschen sind durch seine Verkündigung zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Sie haben erlebt, dass sie durch Jesus von Neuem geboren wurden. Statt des Urverhaltens „Jeder ist sich selbst der Nächste“ wurden sie nun vom Geist Gottes bestimmt. Sie haben in ihrem Herzen die Liebe Gottes erfahren, sind satt geworden und konnten von dieser Liebe weitergeben.

Nun – drei Jahre später – erreichten Paulus Infos aus der Gemeinde. Man trug ihm Fehlentwicklungen, schwere Konflikte und Meinungsverschiedenheiten zu. Offensichtlich hatten die jungen Christen ihre Mitte verloren. Es gab Spaltungen, einzelne Personen wurden wichtiger als Jesus. Ich stelle mir das so vor: Statt wie am Anfang sich im Gottesdienstraum um das Kreuz Jesu zu scharen, ihn anzubeten, von ihm Weisung zu erwarten, durch ihn untereinander verbunden zu sein, verteilen sich die Gemeindeleute im Mehrzweckraum in vier Ecken. Von ihren Ecken aus streiten sie sich, wer Recht hat, wer die genauste Theologie hat oder wer denn nun wirklich Christ ist. Ihre Mitte haben sie verloren, mit Jesus selbst reden sie nicht mehr. 
In dieser verfahrenen Situation setzt Paulus bei den Grundlagen an. Er führt die vier streitenden Parteien aus dem Mehrzweckraum zurück in den Gottesdienstsaal und vor das Kreuz. Alle stehen jetzt davor und halten in ihren Streitgesprächen inne. Sie sehen auf Jesus, ihre Perspektive verändert sich.

1.Korinther 2,1-5

Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam und euch Gottes verborgenen Plan zur Rettung der Menschen verkündete, habe ich euch doch nicht mit tiefsinniger Weisheit und geschliffener Redekunst zu beeindrucken versucht. Ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten. Als schwacher Mensch trat ich vor euch und zitterte innerlich vor Angst.  Mein Wort und meine Botschaft wirkten nicht durch Tiefsinn und Überredungskunst, sondern weil Gottes Geist sich darin mächtig erwies. Euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf die Kraft Gottes.

Paulus steht mit der Gemeinde vor dem Kreuz Jesu und erinnert sie und sich selbst an sein Predigen vor drei Jahren. Paulus trat schwach, zitternd und voller Angst vor die Gemeinde. Hatte er Angst vor der Gemeinde? Zitterte er, weil er fürchtete, dass die Zuhörenden ihn ausbuhen könnten? Nein, Paulus war kein ängstlicher Typ. Er hatte schon genug in seinem Leben erlebt, um Menschenfurcht abzulegen. Doch er zitterte, weil Gott ihn, Paulus, den ehemaligen Christenverfolger, ausersehen hatte, sein Geheimnis zu verkünden. Er sollte das Gefäß sein, das Gottes Liebe zu den Korinthern bringen sollte. Jesus selbst wollte in dem schwachen, unzulänglichen Paulus den Korinthern begegnen. Ist es verwunderlich, dass Paulus zitterte, als ihm das bewusst wurde? Er hielt sich an Jesus fest, an dessen Zusagen, die er bei jedem Abendmahl hörte: „Mein Leib, für dich gebrochen! Mein Blut, für dich vergossen!“ Paulus vertraute darauf, dass Jesus für ihn da war und durch ihn groß werden wollte bei den Korinthern.

Die Korinther hatten dieses Geheimnis offenbar vergessen. Jesus war für sie selbstverständlich geworden, sie hatten keine Ehrfurcht mehr vor ihm, er war wie der Nachbar, der schon ein paar Jahre nebenan wohnte. Man grüßte sich, besuchte sich auch mal, aber jeder ging seine eigenen Wege. So kam es, dass die Korinther sich in Meinungen und Parteiungen zerstritten, sich gegenseitig überbieten wollten und sich verhielten wie Meerschweinchen im Streichelzoo – Hauptsache Ich.

Paulus erinnert nun an Gottes Weisheit, die die Weisheit der Welt, dass der Stärkere gewinnt, überbietet. Gottes Weisheit ist in Jesus Christus anschaulich geworden. Seine Weisheit ist seine Liebe, mit der er sich zu uns Menschen hinabbeugt. Seine Weisheit wird sichtbar in der Krippe, im Kreuz und in der Auferstehung.

1.Korinther 2,6-10

Auch wir verkünden tiefsinnige Weisheit - für alle, die dafür reif sind. Aber das ist nicht die Weisheit dieser Welt und auch nicht die ihrer Machthaber, die zum Untergang bestimmt sind. Vielmehr verkünden wir Gottes geheimnisvolle Weisheit, die bis jetzt verborgen war. Schon bevor Gott die Welt erschuf, hatte er den Plan gefasst, uns an seiner Herrlichkeit Anteil zu geben. Aber keiner von den Machthabern dieser Welt konnte Gottes weisheitsvollen Plan durchschauen. Sonst hätten sie den Herrn, der die Herrlichkeit Gottes teilt, nicht ans Kreuz gebracht. Es heißt ja in den Heiligen Schriften: »Was kein Auge jemals gesehen und kein Ohr gehört hat, worauf kein Mensch jemals gekommen ist, das hält Gott bereit für die, die ihn lieben.«  Uns hat Gott dieses Geheimnis enthüllt durch seinen Geist, den er uns gegeben hat. Denn der Geist erforscht alles, auch die geheimsten Absichten Gottes.

Um das Geheimnis Gottes, seine Weisheit, zu verstehen, bedarf es offenbar einer gewissen Reife. Paulus attestiert den Korinthern im nächsten Kapitel seines Briefes, dass sie noch nicht reif sind, Gottes Weisheit zu verstehen. Dass sie streiten, rivalisieren, Parteien bilden, ist Zeichen, dass sie nicht von Gottes Geist erfüllt sind, sondern der Weisheit dieser Welt folgen.

Reif ist, wer Gottes Geist in sein Leben einlässt. Gottes Weg zu uns Menschen ist kein Theoriegebäude, das man in der Schule lernen kann und dann als Wissen abgespeichert hat, sondern will im eigenen Leben durchlebt werden. Es geht darum, Gott bis in die Tiefen des Herzens zu lassen, wo sonst niemand hingelangt. Wo wir unsere Selbstzweifel, unsere Schuld, unsere Verletzungen, unsere Verhärtung und unsere Bitterkeit mit uns herumtragen. Hier will Gottes Geist wirken. Hier greift seine Zusage, dass er uns liebt – auch mit den Abgründen, die sich auftun. Mit seinem Geist ist Veränderung auch jenseits der 30 Jahre möglich. Aber sie kommt von Gott und beginnt ganz innen, wo Heilung nötig ist und alles andere durchdringt. So nur ist es verständlich, ihm den Lebensweg anzuvertrauen. Er kennt uns durch und durch, da weiß er auch am besten, wo unser Weg hingehen soll. Aus dieser durchlebten Christus-Erfahrung heraus können wir andere Menschen zu Jesus einladen. Sie werden uns abnehmen, dass wir nicht von einem weltanschaulichen Theorie-Gebäude reden, sondern von einer Lebenswende, die sich in unserem Leben vollzogen hat.

Unreife zeigt sich dagegen in Sätzen, seien sie ausgesprochen oder nur gedacht: Ich habe es nicht nötig, dass Gottes Geist in mir aufräumt, alles bestens. Ich weiß nur, dass er bei anderen mal gründlich wirken sollte. Oder: Ich habe es noch nicht erlebt, dass Jesus mich ansieht und in mir verschlossene Türen öffnet. Ich kann diese Liebe Gottes zu mir nicht empfinden und deshalb auch nicht weitergeben.

Um reif zu werden, Gottes Weisheit zu empfangen und Anteil am Geheimnis Gottes zu bekommen, braucht es nicht mehr, aber auch nicht weniger, als mich vor dem großen Gott in Ehrfurcht zu beugen und ihn zu bitten, mich mit seinem Geist zu berühren, meine verschlossenen Türen zu öffnen, die Verletzungen zu heilen und mich satt von seiner Liebe zu machen. 

Dass Jesus für mich gestorben ist, dass Jesus für mich seinen Leib brechen ließ, sein Blut vergossen hat, will alle Gedanken, alle Positionen und alle Pläne durchdringen.

Die Korinther hatten unterschiedliche Positionen. Wir haben immer wieder unterschiedliche Meinungen, sicher auch als solche, die von Gottes Liebe satt sind. Gottes Liebe macht uns ja nicht zu Meinungsklonen. Aber wir werden anders mit unseren Meinungen umgehen. Wir werden uns gegenseitig fragen, ob durch unser Verhalten, durch unsere Position Jesus im Mittelpunkt steht oder nicht. Ob es uns um ihn und seine Gemeinde geht oder um uns und unsere Lieblingsthemen oder Interessen. Ob es uns um Gottes Ehre hier mitten unter uns geht oder darum, ob wir als Erste Gottes Futter bekommen wie die Meerschweinchen im Streichelzoo. 

Im Mittelpunkt werden nicht die Streitpunkte stehen, sondern die Anbetung Gottes, das Gebet in der Stille und miteinander, das Hören auf ihn und die Offenheit, von ihm in eine neue Richtung gewiesen zu werden. Im Mittelpunkt werden nicht wir stehen, sondern Er, der uns zu den Menschen schickt, die seine Liebe ganz dringend brauchen.

Hausaufgaben sind ja lästig, aber heute möchte ich uns eine Hausaufgabe für diese Woche mitgeben, weil sie uns weiterhelfen kann, reif zu werden für Gottes Geheimnis: Nehmen Sie sich in dieser Woche eine Stunde Zeit ohne Ablenkung, um Jesus in Ihr Leben einzuladen. Bitten Sie ihn, sie in Ihren innersten Winkeln zu berühren. Er möge Sie heilen, Ihnen Vergebung schenken oder Sie bereit zur Vergebung machen, Sie korrigieren, Sie weiterführen. Nach dieser Stunde haben Sie sicher etwas erlebt. Halten Sie es am besten schriftlich fest und lassen Sie sich überraschen, wie diese Stunde Frucht tragen wird.

Cornelia Trick


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