Unterwegs in ein neues Jahr
Gottesdienst am 31.12.2000

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
unseren Abendmahlstisch haben wir heute zum Thema "Unterwegs" gestaltet. AbendmahlstischDas braune Tuch symbolisiert den Weg, den wir zurückgelegt haben und der vor uns liegt. Es ist kein glatter Weg, es gibt Bodenwellen, Hindernisse und uneinsehbare Kurven. Doch er ist begangen worden, Fußspuren weisen darauf hin. Und wenn wir in das vergangene Jahr zurück blicken, werden wir manchen Wegabschnitt wiedererkennen. Die anstrengenden Passagen, die traurigen Zeiten, die Höhenflüge, bei denen unsere Füße vor lauter Glück kaum den Boden berührt haben. 

Von einem solchen Weg berichtet uns die Bibel ganz am Anfang der Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel. Das Volk, das in Ägypten in der Sklaverei lebt, wird von Gott erhört, vor ihm liegt der Weg in die Freiheit und der Weg in das verheißene Land. Doch bevor es losgeht, stellt Gott sich selbst vor. Hier seine Selbstvorstellung:

Exodus 13,17-18.20-22

Als der Pharao das Volk endlich ziehen ließ, führte Gott sie nicht am Mittelmeer entlang und durch das Land der Philister, obwohl das der kürzeste Weg gewesen wäre. Gott dachte: "Wenn das Volk dort auf Widerstand stößt und kämpfen muss, ändert es seine Meinung und kehrt wieder nach Ägypten zurück." Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste den Weg zum Schilfmeer. Geordnet wie eine Armee zogen die Israeliten aus Ägypten.
Die Israeliten zogen weiter nach Etam, wo die Wüste beginnt. Dort schlugen sie ihr Lager auf. Während der Wanderung ging der HERR tagsüber in einer Wolkensäule vor ihnen her, um ihnen den Weg zu zeigen, und nachts in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. Jeden Tag war die Wolkensäule an der Spitze des Zuges, und jede Nacht die Feuersäule.

Gott zeigte sich seinem Volk als der Herr, der Tag und Nacht vorangeht und die Richtung vorgibt. Er zeigt sich auch uns heute als der Herr, der uns als Gemeinde und jedem und jeder einzelnen Orientierung gibt. Da ist die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule in der Nacht. Es sind sehr anschauliche Bilder für Gottes Gegenwart. In der gleißenden Helligkeit eines Tages in der Wüste ist er die Wolke, die als dunkler Punkt am Horizont unbedingt auffällt. In der Dunkelheit der Wüstennacht ist er ein helles Feuer, das sich als Kontrast vom schwarzen Nachthimmel abhebt. So sind Gottes Wegzeichen auch für uns deutlich zu erkennen. Sie heben sich von unserer Umgebung ab, sie sind ein Kontrast zu unserem Alltag.

Jemand bekam eine schwere Krankheit mitten im größten Stress. Er erzählte, wie ihm diese Krankheit zu einem Zeichen Gottes in dunkler Nacht wurde. Er erlebte diese Zeit als Neubesinnung, Richtungsänderung, ja auch als intensive Zeit des Gebets. Eine andere erzählte von einer Tagung, die sie in einer Phase großer Einsamkeit besucht hatte. Die Tagung und seelsorgliche Gespräche führten sie in neue Gemeinschaft mit Jesus und trösteten sie in den bitteren Stunden der Einsamkeit. Eine andere berichtete von einem lieben Besuch, der ihr neue Zuversicht und Kraft schenkte, als sie sich leer und ausgepowert fühlte. Der Besuch weckte ihre Lebensgeister neu und erinnerte sie an alles Gute, das sie von Gott empfangen hatte. Und ein anderer las mir neulich ein Bibelwort vor, das ihn im letzten Jahr bis ins Herz getroffen hatte. Dieses Wort gab ihm neuen Lebensmut angesichts mancher Probleme und half ihm, endlich die Probleme mit Gottes Hilfe anzupacken.

Gottes Wegzeichen geben Orientierung, aber sie zwingen nicht. Gott legt uns nicht an Ketten wie Kettenhunde und hetzt uns auf seine Fährte. Nein, er geht voraus und es liegt in unserer Entscheidung, ob wir seine Zeichen beachten oder sie links liegen lassen.

Die Wolken- und Feuersäule macht uns auch darauf aufmerksam, dass sich Gott als der Unsichtbare sichtbar macht. Gott wurde für sein Volk sichtbar, er hat sich auch uns eindeutig zu erkennen gegeben. Jesus Christus ist die Wolken- und Feuersäule, die uns vorangeht und uns Mut zum Aufbruch macht. So sind auf unserem Abendmahlstisch die Bibel als Gottes Wort an uns und die Zeichen Jesu, Brot und Wein, mit denen er auf sich hinweist und uns stärken will. 

Gott führt sein Volk aus der Gefangenschaft und Versklavung. Er führt uns aus unserem Ägypten. Vielleicht ist uns unser Ägypten nicht bewusst. Wir fühlen uns glücklich und zufrieden, nicht fremdbestimmt und am richtigen Platz. Dann hat uns Gott wohl schon aus dem Ägypten herausgerissen und wir dürfen heute dankbar bekennen, was Gott an uns getan hat. Vielleicht stecken wir aber auch mittendrin in der Sklaverei, haben Sorgen an unserem Arbeitsplatz, fühlen uns getrieben von Ansprüchen und Erwartungen anderer und spüren, wie wir auf Gottes Auftrag gar nicht mehr hören können. Dann ist uns dieses Bild von der Wolken- und Feuersäule eine große Hilfe. Wir brauchen das göttliche Eingreifen, das uns aus unserer Lage befreit. Wir brauchen Wunder, die uns von unseren Skavenhaltern befreien und uns in Gottes Einflussbereich zurückbringen. Wir brauchen den Blick zu ihm und seine Leitung, um überhaupt aufbrechen zu können. Jesus lädt uns ein, ihm zu vertrauen. Er stattet uns mit seinem heiligen Geist aus und wir können selbst Wunder über Wunder erleben, wenn wir durch die Wüste ziehen und trotzdem nicht verhungern oder verdursten.

Gottes Wegbegleitung bedeutet auch, dass er das Tempo für unser Jahr 2001 vorgibt. Die Wolken- und Feuersäule könnte den Eindruck erwecken, dass das Leben mit Gott ein Tag- und Nachtjob ist, es kein Verweilen und Rasten geben kann. Für mich liegt die Betonung darauf, dass Gottes Tempo souverän ist. Er kann uns in der Nacht leuchten. Er kann uns den Weg weisen, wenn eigentlich äußerlich gar nicht an Aufbruch zu denken ist. Vielleicht raten uns unsere engsten Freunde ab, eine neue Aufgabe in der Gemeinde zu übernehmen. Sie raten uns, mit unseren Kräften sparsam umzugehen und erstmal eine Pause zu machen. Aber wenn wir von Gott den Auftrag bekommen, dann wird er uns auch die Kraft dazu schenken. Dann wird er manche Termine für uns freischaufeln, wird uns Begeisterung schenken, wenn wir eigentlich müde sein müssten. Aber es gibt auch Zeiten, wo wir uns wie das Volk Israel lagern können, wo es einfach darum geht, Atem zu holen, die eigenen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und wieder neu nach den Orientierungspunkten Gottes Ausschau zu halten. Da liegt die eigentliche Herausforderung. Dass wir uns ganz auf Gott verlassen und uns nicht gegenseitig zuschreiben, wann der Aufbruch und wann das Rasten angesagt ist. Als Gemeinde können wir uns nur immer wieder dazu ermutigen, auf Gottes Signale zu achten und ihnen zu vertrauen. Wir können uns gegenseitig im Gebet unterstützen, um die Signale richtig einzuschätzen und wir können miteinander um das Tempo unserer Gemeinde ringen.

Gott gab seinem Volk keine Landkarte in die Hand, wie sie nun zu gehen hatten. Eine Landkarte wäre eine feine Sache gewesen. Es hätte eindeutig die Eigenverantwortlichkeit des Volkes gestärkt. Aber wären sie wirklich den eingezeichneten Weg gegangen? Hätten sie nicht gleich am Anfang die Abkürzung durch das feindliche Philisterland gewählt und bei den ersten Auseinandersetzungen umgekehrt? Ich wünsche mir oft so eine Landkarte für mein Leben und auch für unsere Gemeinde. Wäre praktisch zu wissen, wie es denn nun so weitergeht und was uns unterwegs alles erwarten wird. Aber auch uns ist keine Landkarte in die Hand gegeben, kein Fahrplan für die Ewigkeit. Wir bleiben permanent abhängig von Gott und seinem heiligen Geist. Gott möchte jeden Tag mit uns gehen, er möchte eine Lebensgemeinschaft mit uns eingehen – ja, eine Ehe auf Lebenszeit. Worte aus dem Brief des Paulus an die Römer spiegeln diese Lebensgemeinschaft wieder:

Ich bin ganz sicher, dass nichts uns von seiner Liebe trennen kann: weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, noch andere gottfeindliche Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Himmel noch Hölle. Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals trennen von der Liebe Gottes, die uns verbürgt ist in Jesus Christus, unserem Herrn. (Römer 8,38-39)

Diese Zusage gilt uns persönlich für das neue Jahr. Wir haben Gottes Geist durch Jesus empfangen, der uns versichert: Gott ist vor uns und hinter uns. Wir sind zielgerichtet auf ihn und gehen seiner Verheißung entgegen, dem Versprechen, dass wir mit ihm auch jenseits des Todes leben werden. 

Diese Zusage gilt uns als Gemeinde. Wir dürfen auf dem Weg bleiben, den Gott uns weist. Wir dürfen unterwegs sein zu den Menschen, die ihn brauchen. Wir dürfen miteinander unterwegs sein und uns immer wieder hinweisen auf ihn und seine Wunder.

Dabei brauchen wir keine Angst vor den Umwegen haben, sie sind wohl offensichtlich zu unserem Besten, dass wir nicht doch noch aufgeben und das Vertrauen zu Gott wegwerfen. 

Gott gibt uns Wegzehrung. Er gibt uns sein Wort, er bietet uns in seinem Sohn Jesus Christus Gemeinschaft an und er nährt uns mit Brot und Wein.

Wollen wir uns heute auf der Schwelle zu einem neuen Jahr dem Segen Gottes anvertrauen und von ihm alles für das neue Jahr erwarten?

Der Herr sei vor uns und leite uns,
er sei hinter uns und zwinge uns,
er sei unter uns und trage uns,
er sei über uns und segne uns!
Der Herr sei um uns und schütze uns,
er sei in uns, dass Geist, Seele und Leib – sein Eigentum –
ihm recht dienen und seinen Namen heiligen. Amen.

Cornelia Trick


Home


Verantwortlich Dr. Ulrich Trick, Email: ulrich@trick-online.de
Internet-Adresse: http://www.predigt-online.de/prewo/prewo_unterwegs_in_ein_neues_jahr.htm