Tarifpolitik Gottes (Matthäus 20,1-16)
Gottesdienst am 01.02.2015 in Brombach

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
schon die Jünger Jesu dachten sehr neuzeitlich, wie man es uns für das 21.Jahrhundert bescheinigt. „Was haben wir davon, dass wir an dich, Jesus, glauben? Dass wir alles auf eine Karte setzen und dir folgen?“ Jesus geht auf die Fragen der Jünger ein und kanzelt sie nicht als egoistisch, typisch menschlich oder unreif ab. Er antwortet ihnen: „Wer Häuser, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird´s 100-fach empfangen und das ewige Leben erwerben.“ (Matthäus 19,28) 

Was haben wir vom Glauben mit allen Konsequenzen? Werden wir 100-fach wiederbekommen, was wir für Jesus investiert haben? Werden wir eine Eigentumswohnung im Himmel bekommen und dort immer den Zugang zu Gott haben? Jesus ging mit seiner Antwort weiter. Denn er ahnte offenbar die Schlussfolgerung, die wir aus seiner Verheißung ziehen würden. Er sah die Gefahr, dass wir Leistung und Lohn gegenrechnen würden: Die Jünger haben 100% investiert und würden knapp 10000% Lohn bekommen, normale Christen vielleicht 3000% und die, die gestern erst Jesus begegnet sind und noch nichts investieren konnten, 20%.

So erzählte ihnen Jesus eine Beispielgeschichte von Leuten, die auf einem Markt standen, um für den Tag Arbeit zu bekommen und ihre Familien zu ernähren. Den Markt  müssen wir uns wohl als  das damalige Job-Center vorstellen, das Jobs vergab.

Matthäus 20,1-16

»Wenn Gott sein Werk vollendet, wird es sein wie bei dem Weinbergbesitzer, der früh am Morgen auf den Marktplatz ging, um Leute zu finden und für die Arbeit in seinem Weinberg anzustellen. Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen Tageslohn von einem Silberstück, dann schickte er sie in den Weinberg. Um neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch ein paar Männer arbeitslos herumstehen. Er sagte auch zu ihnen: 'Ihr könnt in meinem Weinberg arbeiten, ich will euch angemessen bezahlen.' Und sie gingen hin. Genauso machte er es mittags und gegen drei Uhr. Selbst als er um fünf Uhr das letzte Mal zum Marktplatz ging, fand er noch einige herumstehen und sagte zu ihnen: 'Warum tut ihr den ganzen Tag nichts?' Sie antworteten: 'Weil uns niemand eingestellt hat.' Da sagte er: 'Geht auch ihr noch hin und arbeitet in meinem Weinberg!' Am Abend sagte der Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: 'Ruf die Leute zusammen und zahl allen ihren Lohn! Fang bei denen an, die zuletzt gekommen sind, und höre bei den ersten auf.'  Die Männer, die erst um fünf Uhr angefangen hatten, traten vor und jeder bekam ein Silberstück. Als nun die an der Reihe waren, die ganz früh angefangen hatten, dachten sie, sie würden entsprechend besser bezahlt, aber auch sie bekamen jeder ein Silberstück. Da murrten sie über den Weinbergbesitzer und sagten: 'Diese da, die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde lang gearbeitet, und du behandelst sie genauso wie uns? Dabei haben wir den ganzen Tag über in der Hitze geschuftet!' Da sagte der Weinbergbesitzer zu einem von ihnen: 'Mein Lieber, ich tue dir kein Unrecht. Hatten wir uns nicht auf ein Silberstück geeinigt? Das hast du bekommen, und nun geh! Ich will nun einmal dem Letzten hier genauso viel geben wie dir! Ist es nicht meine Sache, was ich mit meinem Eigentum mache? Oder bist du neidisch, weil ich großzügig bin?'« Jesus schloss: »So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.«

Ein japanischer Buddhist ist durch dieses Gleichnis zum christlichen Glauben gekommen. Er lernte Griechisch, reiste nach Europa und studierte hier Theologie. Sein ganzes Leben bekam eine neue Richtung, so schreibt er es in seinen Erinnerungen. Das Gleichnis hatte offenbar Kraft, ihn auf einen neuen Weg zu setzen. Lange hatte er sich mit damit beschäftigt, ob sein Leben einen Wert hatte. Immer wieder fragte er sich, ob andere nicht wertvoller als er waren. Sie hatten doch mehr Erfolg, brachten bessere Leistungen, bezauberten mit ihrem Charme die Menschen und hatten mehr Freunde. Er kannte aus seiner Tradition nur die Antwort des Buddhismus. Er als Person war eine Summe von Zufällen, das Leben war Leiden und musste durch verschiedene Stufen auf einem Pfad überwunden werden. Er selbst und sein Leben hatten keinen Wert an sich. Von diesem Gleichnis hörte er nun eine andere Botschaft. Alle Menschen sind wertvoll, unabhängig davon, was sie leisten oder tun. Das Ich eines Menschen ist nicht Summe von Zufällen oder eine Station zwischen Wiedergeburten, sondern real und wirklich, wertvoll trotz und mit Leiden. Er schreibt, dass er nach dieser Erkenntnis einen großen inneren Frieden gespürt hatte. Er sah sich in einem neuen Licht, sein Leben hatte Sinn, auch wenn er nichts tat.

Lassen wir das Gleichnis zu uns sprechen, vielleicht entwickelt es ja auch Kraft in unserem eigenen Leben und beeinflusst unser Nachdenken über den Sinn des Lebens. Stellen wir uns einige der Personen am Ende ihres Arbeitstages auf dem Weg nach Hause vor. Der Lohn ist verteilt und noch sind sie aufgewühlt von der Tarifpolitik des Arbeitgebers. Sie diskutieren miteinander. Dabei hören wir ihnen jetzt zu.

Der Erste, er war bei der ersten Schicht:
Ich bin sauer und fühle mich um meinen Lohn betrogen. Moralisch wurde ich auch noch in die Ecke gestellt. Als ob das nicht offensichtlich war, dass man uns betrogen hat. Wäre unser Arbeitgeber gerecht, hätte er uns alle morgens früh gleichzeitig eingestellt. Wir hätten die Arbeit mittags gemeinsam erledigt gehabt, wären früh nach Hause gekommen und hätten alle den gleichen Lohn bekommen.

Der Zweite, er war bei der letzten Schicht:
Wieso bist du sauer? Morgens noch dachte der Boss, er würde die Arbeit mit euch schaffen. Aber ihr wart offensichtlich nicht effektiv genug, und es war zu viel Arbeit. Auch die nächsten Schichten haben nicht genug gearbeitet. Da er abends fertig sein musste, war er auf uns angewiesen. Und wie du weißt, erhöht sich dadurch der Lohn für die Arbeiter. Wir haben ihm die Ernte und den Tag gerettet. Das muss er sich was kosten lassen.

Der Dritte, er wurde irgendwann während des Tages angeheuert:
Warum beschweren sich die aus der ersten Schicht? Die hatten doch als einzige gewusst, was sie bekommen. Sie hatten einen regulären Arbeitsvertrag und die ganze Zeit die Beruhigung, dass das Geld für eine gute Familienmahlzeit am Abend reichen würde. Das war doch ein doppeltes Privileg gegenüber uns, die wir nur darauf hoffen konnten, genug für eine  ordentliche Mahlzeit zu verdienen. 

Der Vierte: 
tritt aus der Menge der Aufgebrachten heraus und wirkt nachdenklich. Könnte es sein, dass uns der Weinbergbesitzer getestet hat? Zum Beispiel könnte er uns geprüft haben, ob wir zufrieden sind mit dem, was der Herr uns gibt. Er könnte darauf gewartet haben, ob wir uns umgucken und feststellen, dass es den anderen besser geht als uns, neidisch auf die Lohntüte der anderen starren. Er könnte beobachten, wie wir uns jetzt verhalten. Alle halten wir unseren Geldbeutel fest in der Hand und gehen an Leuten auf der Straße vorbei, die heute keine Stelle gefunden haben, die ihrer Familie kein Essen kaufen können und hungrig ins Bett gehen werden. Halten wir unseren Geldbeutel fest oder teilen wir mit ihnen? Statt es dem Chef nachzumachen, streiten wir uns, neiden uns die eine Mahlzeit am Tag und weigern uns, das Offensichtliche zu verstehen. Unser Chef hat jedem von uns das gegeben, was er gebraucht hat, nicht mehr und nicht weniger. Er hat nicht unsere Leistung zugrunde gelegt, sondern unsere Bedürftigkeit. Wir sind ihm wichtig, das hat er zum Ausdruck gebracht. Und vielleicht will er, dass auch wir so mit unseren Mitmenschen umgehen. Sie nicht nach dem beurteilen, was sie uns nützen, sondern was sie von uns brauchen. Das würde manche Beziehung ganz schön auf den Kopf stellen. Zum Beispiel wenn ich heute nach Hause komme und nicht darüber nachdenke, wie schön es wäre, wenn meine Frau mir die angewärmten Pantoffeln anziehen würde und mir den schmerzenden Rücken massierte, sondern wenn ich sie anschaue und mir klar wird, auch sie hat Bedürfnisse. Vielleicht will sie mir was vom Tag erzählen, und ich höre mal mit ganzem Ohr zu.

Das Gleichnis Jesu ist anstößig. Hätte der Weinbergbesitzer jeden nach seiner Leistung bezahlt, hätte es diese Beispielgeschichte nie in die Bibel geschafft. Aber hier sollen wir etwas lernen.
 

  • Das Thema Jesu ist im Zusammenhang des Matthäusevangeliums an dieser Stelle, um den Jüngern klar zu machen, was sie von der Nachfolge haben. Er sagt ihnen hiermit: Du wirst bekommen, was du brauchst. Du kannst vertrauen, dass Jesus dich nicht als Tagelöhner hungrig auf dem Markt stehen lässt. Vielleicht ist es auch ein Thema  für langjährige Christen. Manchmal vergessen sie die Freude über den Dienstvertrag und den zugesagten Lohn. Sie werden neidisch auf die, die scheinbar weniger leisten. Dabei hatten sie eine lange gemeinsame Zeit mit Jesus, der sie prägen konnte, ihnen geholfen hat und ihnen vorausgegangen war. Sie wussten die ganze Zeit um die Hände unter ihrem Leben, die sie hielten.
  • Gott sind Menschen wertvoll. Er gibt uns das Leben, ohne auf unsere Leistung zu warten, unseren Erfolg und unsere Arbeitsstunden abzurechnen. Er holt uns auf dem „Marktplatz des Lebens“ ab, wo wir sind, auch wenn wir spät dran sind oder scheinbar übrig geblieben sind. Er adelt uns, denn wir dürfen in seinem Weinberg mitarbeiten, seine Welt gestalten und uns konkret einbringen. Wir sind in seinen Augen keine Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis, die nur gelitten werden.
  • Aus der Güte Gottes folgt, dass wir anderen gegenüber großzügig sind, sie nicht in Leistungsschubladen sortieren und ihnen abgeben, damit auch sie leben können. Die Heilsarmee setzt das um mit ihrem Slogan: Suppe, Seife, Seelenheil. Sie ist über den individuellen Kontakt hinausgegangen und hat eine Bewegung ins Leben gerufen. Soweit geht die Wirkung der Rede Jesu.
  • Das Thema Neid ist zutiefst in uns Menschen verwurzelt. Neid lässt es zwischen Menschen eisig werden. Was das Eis schmelzen kann, ist eine tief empfundene Dankbarkeit und Wärme von innen, hervorgerufen von Jesus, der uns zusagt, er steht für uns ein, sogar bis zum Tod am Kreuz.
Der japanische Christ ist durch das Gleichnis zum Glauben gekommen. Er ist dem Weinbergbesitzer begegnet, und er hat ihn in seinen Weinberg abgeholt. Vielleicht lassen auch wir uns vom Weinbergbesitzer zu einer Lehrstunde einladen.
Cornelia Trick


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