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Gottesdienst am 01.02.2015
in Brombach
Liebe Gemeinde, liebe Schwestern
und Brüder,
schon die Jünger
Jesu dachten sehr neuzeitlich, wie man es uns für das 21.Jahrhundert
bescheinigt. „Was haben wir davon, dass wir an dich, Jesus, glauben? Dass
wir alles auf eine Karte setzen und dir folgen?“ Jesus geht auf die Fragen
der Jünger ein und kanzelt sie nicht als egoistisch, typisch menschlich
oder unreif ab. Er antwortet ihnen: „Wer Häuser, Brüder, Schwestern,
Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen,
der wird´s 100-fach empfangen und das ewige Leben erwerben.“ (Matthäus
19,28)
Was haben wir vom Glauben
mit allen Konsequenzen? Werden wir 100-fach wiederbekommen, was wir für
Jesus investiert haben? Werden wir eine Eigentumswohnung im Himmel bekommen
und dort immer den Zugang zu Gott haben? Jesus ging mit seiner Antwort
weiter. Denn er ahnte offenbar die Schlussfolgerung, die wir aus seiner
Verheißung ziehen würden. Er sah die Gefahr, dass wir Leistung
und Lohn gegenrechnen würden: Die Jünger haben 100% investiert
und würden knapp 10000% Lohn bekommen, normale Christen vielleicht
3000% und die, die gestern erst Jesus begegnet sind und noch nichts investieren
konnten, 20%.
So erzählte ihnen
Jesus eine Beispielgeschichte von Leuten, die auf einem Markt standen,
um für den Tag Arbeit zu bekommen und ihre Familien zu ernähren.
Den Markt müssen wir uns wohl als das damalige Job-Center
vorstellen, das Jobs vergab.
Matthäus 20,1-16
»Wenn Gott sein Werk
vollendet, wird es sein wie bei dem Weinbergbesitzer, der früh am
Morgen auf den Marktplatz ging, um Leute zu finden und für die Arbeit
in seinem Weinberg anzustellen. Er einigte sich mit ihnen auf den üblichen
Tageslohn von einem Silberstück, dann schickte er sie in den Weinberg.
Um neun Uhr ging er wieder auf den Marktplatz und sah dort noch ein paar
Männer arbeitslos herumstehen. Er sagte auch zu ihnen: 'Ihr könnt
in meinem Weinberg arbeiten, ich will euch angemessen bezahlen.' Und sie
gingen hin. Genauso machte er es mittags und gegen drei Uhr. Selbst als
er um fünf Uhr das letzte Mal zum Marktplatz ging, fand er noch einige
herumstehen und sagte zu ihnen: 'Warum tut ihr den ganzen Tag nichts?'
Sie antworteten: 'Weil uns niemand eingestellt hat.' Da sagte er: 'Geht
auch ihr noch hin und arbeitet in meinem Weinberg!' Am Abend sagte der
Weinbergbesitzer zu seinem Verwalter: 'Ruf die Leute zusammen und zahl
allen ihren Lohn! Fang bei denen an, die zuletzt gekommen sind, und höre
bei den ersten auf.' Die Männer, die erst um fünf Uhr angefangen
hatten, traten vor und jeder bekam ein Silberstück. Als nun die an
der Reihe waren, die ganz früh angefangen hatten, dachten sie, sie
würden entsprechend besser bezahlt, aber auch sie bekamen jeder ein
Silberstück. Da murrten sie über den Weinbergbesitzer und sagten:
'Diese da, die zuletzt gekommen sind, haben nur eine Stunde lang gearbeitet,
und du behandelst sie genauso wie uns? Dabei haben wir den ganzen Tag über
in der Hitze geschuftet!' Da sagte der Weinbergbesitzer zu einem von ihnen:
'Mein Lieber, ich tue dir kein Unrecht. Hatten wir uns nicht auf ein Silberstück
geeinigt? Das hast du bekommen, und nun geh! Ich will nun einmal dem Letzten
hier genauso viel geben wie dir! Ist es nicht meine Sache, was ich mit
meinem Eigentum mache? Oder bist du neidisch, weil ich großzügig
bin?'« Jesus schloss: »So werden die Letzten die Ersten sein
und die Ersten die Letzten.«
Ein japanischer Buddhist
ist durch dieses Gleichnis zum christlichen Glauben gekommen. Er lernte
Griechisch, reiste nach Europa und studierte hier Theologie. Sein ganzes
Leben bekam eine neue Richtung, so schreibt er es in seinen Erinnerungen.
Das Gleichnis hatte offenbar Kraft, ihn auf einen neuen Weg zu setzen.
Lange hatte er sich mit damit beschäftigt, ob sein Leben einen Wert
hatte. Immer wieder fragte er sich, ob andere nicht wertvoller als er waren.
Sie hatten doch mehr Erfolg, brachten bessere Leistungen, bezauberten mit
ihrem Charme die Menschen und hatten mehr Freunde. Er kannte aus seiner
Tradition nur die Antwort des Buddhismus. Er als Person war eine Summe
von Zufällen, das Leben war Leiden und musste durch verschiedene Stufen
auf einem Pfad überwunden werden. Er selbst und sein Leben hatten
keinen Wert an sich. Von diesem Gleichnis hörte er nun eine andere
Botschaft. Alle Menschen sind wertvoll, unabhängig davon, was sie
leisten oder tun. Das Ich eines Menschen ist nicht Summe von Zufällen
oder eine Station zwischen Wiedergeburten, sondern real und wirklich, wertvoll
trotz und mit Leiden. Er schreibt, dass er nach dieser Erkenntnis einen
großen inneren Frieden gespürt hatte. Er sah sich in einem neuen
Licht, sein Leben hatte Sinn, auch wenn er nichts tat.
Lassen wir das Gleichnis
zu uns sprechen, vielleicht entwickelt es ja auch Kraft in unserem eigenen
Leben und beeinflusst unser Nachdenken über den Sinn des Lebens. Stellen
wir uns einige der Personen am Ende ihres Arbeitstages auf dem Weg nach
Hause vor. Der Lohn ist verteilt und noch sind sie aufgewühlt von
der Tarifpolitik des Arbeitgebers. Sie diskutieren miteinander. Dabei hören
wir ihnen jetzt zu.
Der Erste, er war bei der
ersten Schicht:
Ich bin sauer und fühle
mich um meinen Lohn betrogen. Moralisch wurde ich auch noch in die Ecke
gestellt. Als ob das nicht offensichtlich war, dass man uns betrogen hat.
Wäre unser Arbeitgeber gerecht, hätte er uns alle morgens früh
gleichzeitig eingestellt. Wir hätten die Arbeit mittags gemeinsam
erledigt gehabt, wären früh nach Hause gekommen und hätten
alle den gleichen Lohn bekommen.
Der Zweite, er war bei
der letzten Schicht:
Wieso bist du sauer? Morgens
noch dachte der Boss, er würde die Arbeit mit euch schaffen. Aber
ihr wart offensichtlich nicht effektiv genug, und es war zu viel Arbeit.
Auch die nächsten Schichten haben nicht genug gearbeitet. Da er abends
fertig sein musste, war er auf uns angewiesen. Und wie du weißt,
erhöht sich dadurch der Lohn für die Arbeiter. Wir haben ihm
die Ernte und den Tag gerettet. Das muss er sich was kosten lassen.
Der Dritte, er wurde irgendwann
während des Tages angeheuert:
Warum beschweren sich
die aus der ersten Schicht? Die hatten doch als einzige gewusst, was sie
bekommen. Sie hatten einen regulären Arbeitsvertrag und die ganze
Zeit die Beruhigung, dass das Geld für eine gute Familienmahlzeit
am Abend reichen würde. Das war doch ein doppeltes Privileg gegenüber
uns, die wir nur darauf hoffen konnten, genug für eine ordentliche
Mahlzeit zu verdienen.
Der Vierte:
tritt aus der Menge der
Aufgebrachten heraus und wirkt nachdenklich. Könnte es sein, dass
uns der Weinbergbesitzer getestet hat? Zum Beispiel könnte er uns
geprüft haben, ob wir zufrieden sind mit dem, was der Herr uns gibt.
Er könnte darauf gewartet haben, ob wir uns umgucken und feststellen,
dass es den anderen besser geht als uns, neidisch auf die Lohntüte
der anderen starren. Er könnte beobachten, wie wir uns jetzt verhalten.
Alle halten wir unseren Geldbeutel fest in der Hand und gehen an Leuten
auf der Straße vorbei, die heute keine Stelle gefunden haben, die
ihrer Familie kein Essen kaufen können und hungrig ins Bett gehen
werden. Halten wir unseren Geldbeutel fest oder teilen wir mit ihnen? Statt
es dem Chef nachzumachen, streiten wir uns, neiden uns die eine Mahlzeit
am Tag und weigern uns, das Offensichtliche zu verstehen. Unser Chef hat
jedem von uns das gegeben, was er gebraucht hat, nicht mehr und nicht weniger.
Er hat nicht unsere Leistung zugrunde gelegt, sondern unsere Bedürftigkeit.
Wir sind ihm wichtig, das hat er zum Ausdruck gebracht. Und vielleicht
will er, dass auch wir so mit unseren Mitmenschen umgehen. Sie nicht nach
dem beurteilen, was sie uns nützen, sondern was sie von uns brauchen.
Das würde manche Beziehung ganz schön auf den Kopf stellen. Zum
Beispiel wenn ich heute nach Hause komme und nicht darüber nachdenke,
wie schön es wäre, wenn meine Frau mir die angewärmten Pantoffeln
anziehen würde und mir den schmerzenden Rücken massierte, sondern
wenn ich sie anschaue und mir klar wird, auch sie hat Bedürfnisse.
Vielleicht will sie mir was vom Tag erzählen, und ich höre mal
mit ganzem Ohr zu.
Das Gleichnis Jesu ist
anstößig. Hätte der Weinbergbesitzer jeden nach seiner
Leistung bezahlt, hätte es diese Beispielgeschichte nie in die Bibel
geschafft. Aber hier sollen wir etwas lernen.
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Das Thema Jesu ist im Zusammenhang
des Matthäusevangeliums an dieser Stelle, um den Jüngern klar
zu machen, was sie von der Nachfolge haben. Er sagt ihnen hiermit: Du wirst
bekommen, was du brauchst. Du kannst vertrauen, dass Jesus dich nicht als
Tagelöhner hungrig auf dem Markt stehen lässt. Vielleicht ist
es auch ein Thema für langjährige Christen. Manchmal vergessen
sie die Freude über den Dienstvertrag und den zugesagten Lohn. Sie
werden neidisch auf die, die scheinbar weniger leisten. Dabei hatten sie
eine lange gemeinsame Zeit mit Jesus, der sie prägen konnte, ihnen
geholfen hat und ihnen vorausgegangen war. Sie wussten die ganze Zeit um
die Hände unter ihrem Leben, die sie hielten.
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Gott sind Menschen wertvoll.
Er gibt uns das Leben, ohne auf unsere Leistung zu warten, unseren Erfolg
und unsere Arbeitsstunden abzurechnen. Er holt uns auf dem „Marktplatz
des Lebens“ ab, wo wir sind, auch wenn wir spät dran sind oder scheinbar
übrig geblieben sind. Er adelt uns, denn wir dürfen in seinem
Weinberg mitarbeiten, seine Welt gestalten und uns konkret einbringen.
Wir sind in seinen Augen keine Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis,
die nur gelitten werden.
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Aus der Güte Gottes folgt,
dass wir anderen gegenüber großzügig sind, sie nicht in
Leistungsschubladen sortieren und ihnen abgeben, damit auch sie leben können.
Die Heilsarmee setzt das um mit ihrem Slogan: Suppe, Seife, Seelenheil.
Sie ist über den individuellen Kontakt hinausgegangen und hat eine
Bewegung ins Leben gerufen. Soweit geht die Wirkung der Rede Jesu.
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Das Thema Neid ist zutiefst
in uns Menschen verwurzelt. Neid lässt es zwischen Menschen eisig
werden. Was das Eis schmelzen kann, ist eine tief empfundene Dankbarkeit
und Wärme von innen, hervorgerufen von Jesus, der uns zusagt, er steht
für uns ein, sogar bis zum Tod am Kreuz.
Der japanische Christ ist
durch das Gleichnis zum Glauben gekommen. Er ist dem Weinbergbesitzer begegnet,
und er hat ihn in seinen Weinberg abgeholt. Vielleicht lassen auch wir
uns vom Weinbergbesitzer zu einer Lehrstunde einladen.
Cornelia
Trick
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