Neuer Schwung
Gottesdienst am 28.05.2006

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
die Pedale meines Fahrrads laufen völlig rund. Ich hatte nie das Gefühl, sie zu irgendeinem Zeitpunkt besonders überreden zu müssen, sich weiter zu drehen. Umso erstaunter war ich, als mir jemand vom "toten Punkt" erzählte, der immer dann erreicht wird, wenn die Pedale in der Senkrechten zum Erdboden stehen. Fahrrad mit totem PunktDann nämlich ist die normale Kraft, die von der Schwerkraft unterstützt von oben auf die Pedale einwirkt, nicht mehr nutzbar. Es braucht zusätzliche Energie, die von der Horizontalen kommt, oder Schwung, um über den toten Punkt zu kommen. Sonst bleibt das Fahrrad einfach stehen.

Diesen toten Punkt kenne ich auch im übertragenen Sinn. Es gibt äußerlich gar keinen Grund, warum das Leben nicht rund weiterläuft. Doch es fehlt die Kraft und der Schwung, um über einen toten Punkt hinweg zu kommen. Im Ort traf ich eine junge Frau mit ihrem kleinen Kind. Sie erlebte gerade einen solchen toten Punkt. Sie arbeitete sich mühsam durch die Woche, kümmerte sich rund um die Uhr um das Kind, wartete abends lange auf ihren Mann. Am lang ersehnten Wochenende wurden einige liegen gebliebene Dinge aufgearbeitet und der Hausputz durchgeführt. Was blieb, war der Sonntag als Tag der Erholung. Doch statt lange auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken, Freunde zu besuchen, stand das Kind früh auf der Matte, ließ die Eltern gereizt am Frühstückstisch sitzen und alle Pläne ins Wasser fallen. Statt Ausruhen stand Erschöpfung, Bitterkeit und das Gefühl im Vordergrund, vom Leben betrogen zu werden. Ein toter Punkt war bei dieser Frau erreicht. Sie hatte keinen Schwung mehr für ihren Alltag. Sie fühlte sich wie stehen geblieben. 

Der Prophet Jeremia sprach Trostworte zu seinem Volk, das an einem solchen toten Punkt angelangt war. Das Nordreich Israels wurde schon 733 v.Chr. zerstört, die Menschen vertrieben, ihre Kultur vernichtet, das Südreich Juda stand bei Jeremia unmittelbar vor der Katastrophe, erste Deportationen durch die Babylonier hatten schon stattgefunden. Jeremia erkannte den toten Punkt seines Volkes als Folge der Untreue gegenüber Gott. Zwar hatten die Leute Gott der Form nach die Treue gehalten, er kam in ihrem täglichen Leben vor, und auch den Tempel suchten sie regelmäßig auf, doch in ihrem Inneren scherten sie sich nicht um Gottes Willen. Sie setzten ihren Willen an die oberste Stelle und gingen stillschweigend davon aus, dass Gott schon mit ihnen übereinstimmen würde. Mit dem Willen Gottes erging es ihnen wie mit einer Fremdsprache. Wenn die Situation stressig wurde, fielen sie ganz schnell wieder in die Muttersprache zurück. Und nun stand der Untergang bevor. Sie hatten keinen Plan, was Gottes Wille war, sondern gingen davon aus, dass er schon alles abnicken würde, was sie gut fanden. 

Jeremia gab seinen Landsleuten eine neue Perspektive. Sie würden den toten Punkt überwinden, aber nicht mit positivem Denken, Selbstheilungskräften oder durch Heilspropheten. Sie brauchten den Schwung Gottes und seinen Geist, der nicht mehr wie eine Fremdsprache gelernt werden musste, sondern zur Muttersprache würde.

Jeremia 31,31-34

"Gebt acht!" sagt der HERR. "Die Zeit kommt, da werde ich mit dem Volk von Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließen. Er wird nicht dem Bund gleichen, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten herausführte. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihnen doch ein guter Herr gewesen war. Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen will, wird völlig anders sein: Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein", sagt der HERR. Niemand muss dann noch seinen Nachbarn belehren oder zu seinem Bruder sagen: 'Lerne den HERRN kennen!' Denn alle werden dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten. Das sage ich, der HERR. Ich will ihnen ihren Ungehorsam vergeben und nie mehr an ihre Schuld denken."

Die toten Punkte in unserem Leben können sich an verschiedenen Stellen zeigen. Wir kommen nicht weiter mit unseren Plänen und Vorstellungen. Unsere Kraft, Liebe und Geduld reichen nicht aus. Andere Leute geben uns keinen Schwung. Ihre Bestätigung bleibt aus. Lebensziele, die wir uns gesetzt haben, sind in unerreichbare Ferne gerückt. Unser innerer Wertekatalog bricht zusammen, wir sind nicht die Attraktivsten, Gebildetsten, Reichsten, Erfolgreichsten, sondern ganz normale Menschen mit allen durchschnittlichen Fehlern. Und Gott? Wo kommt er vor? Hat er auch versagt, weil er uns nicht zu den besten Menschen gemacht hat, die wir sein wollten? Ist er Handlanger unserer Wünsche geworden wie damals zur Zeit Jeremias?

An diesem toten Punkt können wir uns nicht mehr selbst helfen. Wir brauchen eine Kraft von außen, die uns neu in Bewegung setzt. Wir brauchen Gott, der einen neuen Anfang mit uns macht.

Gott steht zu seinem Bund

Jeremia betont, dass der Bund, den Gott mit Israel und Juda geschlossen hatte, weiter besteht, auch wenn die Menschen sich nicht an die Bundesvereinbarung gehalten haben. Gott bleibt seinem Volk treu. Doch er geht einen neuen Weg. Die Bundesvereinbarung muss sein Volk in Zukunft nicht mehr wie eine Fremdsprache lernen, sondern diese Vereinbarung wird den Menschen aufs Herz geschrieben, sodass niemand sie je vergessen kann. Kein Mensch wird sich mehr fragen, ob er auf seine Kosten kommt, ob seine Bedürfnisse erfüllt werden, sondern er wird fragen, ob Gottes Anspruch erfüllt wird, ob Gottes Erwartungen entsprochen wird. Gottes Wille wird zur Muttersprache. 

Jesus Christus setzt den neuen Bund ein

Jeremia ließ den Zeitpunkt offen, wann Gott diesen neuen Bund schließen würde, und er sprach nur zu Israel und Juda. Er erwartete den neuen Bund in näherer Zukunft als direkte Antwort auf den Bundesbruch des Volkes. Doch erst 500 Jahre später nahm Jesus das Versprechen auf und sagte bei seinem Abschiedsmahl zu den Jüngern: "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut." (1.Korinther 11,25) Gemeint hatte er damit, dass sein Tod am Kreuz den neuen Bund, den Jeremia ankündigte, in Kraft setzte. Denn wie Jeremia schon sagte, kann der neue Bund erst in Kraft treten, wenn die Sünde des Bundesbruches vergeben ist und die Folgen die Zukunft nicht mehr belasten können. Jesus hat mit seinem Sterben am Kreuz diese Sünde vergeben. Er hat die Folgen der Sünde, den Tod, auf sich genommen und ihn stellvertretend für uns Menschen erlitten. So ist der Weg frei für den neuen Bund. 

Wahrscheinlich sind die alten Vorstellungen von Opfer und Sühne fremd für uns. Wir können uns schlecht vorstellen, dass Opferblut reinigende Wirkung haben soll. Wir haben andere Bilder, die uns näher liegen. Wir kennen einen von Viren verseuchten PC. Diese Viren und Würmer zerstören letztlich alles, was wir auf dem PC gespeichert haben. Und sie können uns sogar sehr persönlich schaden, indem sie selbstständig Emails mit unserem Namen in Umlauf bringen. Wie kann unser PC wieder sauber werden? Nur durch eine gründliche Reinigung und die Vernichtung von Würmern und Viren. Ist das geschehen, dient der PC nicht länger dem Willen irgendwelcher Hacker, sondern gehorcht wieder unseren Befehlen. Jesus bietet uns die Befreiung von Viren und Würmern an. Sein Tod für uns reinigt uns von innen. Wir sind nicht länger Sklaven der Sünde, die sich gegen Gottes Willen auflehnt, sondern gehorchen dem Willen Gottes, weil wir ihn wie die Muttersprache verstehen. Ohne Reinigung geht es nicht, aller guter Wille würde von den Viren und Würmern sofort missbraucht werden. So muss Jesus einen neuen Anfang mit uns machen, dass wir ihm folgen können.

Die Auswirkungen des neuen Bundes

Jesu Tod war die Grundlage, dass Gott die Herzen der Menschen neu beschriften konnte. Jesu Auferstehung war die Bestätigung, dass dieser Bund bis in Ewigkeit bestehen wird. Der Tod kann ihm nichts mehr anhaben. Doch erst das Pfingstfest mit der Gabe des Heiligen Geistes zeigte die konkreten Auswirkungen. Petrus empfing am Pfingsttag in Jerusalem den Heiligen Geist und wusste sofort, was er zu tun hatte: Er predigte Jesus Christus und 3000 Leute kamen zum Glauben. Die Gläubigen wussten sofort, wie es für sie weiterzugehen hatte. Sie trafen sich in Hausgemeinden, feierten Abendmahl, beteten, halfen sich in ihrem täglichen Leben und hörten auf Gottes Wort. Die Gemeinden erfuhren sehr schnell im Gebet, was ihr Auftrag von Gott her war. Sie sollten Missionare aussenden, die auch den Nichtjuden die frohe Botschaft von Jesus brachten. Diese ersten Christen brauchten kein Lehrbuch zum Gemeindeaufbau. Sie bekamen ihre Weisungen direkt aus dem Herzen. Der Heilige Geist sagte ihnen sehr deutlich, wie es weitergehen sollte. 

Der neue Bund ist freiwillig

Jeremia sagte den neuen Bund für Israel und Juda, das Nord- und Südreich, an. Auf die ganze Erfüllung der Verheißung warten wir noch. Zwar sind 3000 Menschen nach der Pfingstpredigt in Jerusalem zum Glauben gekommen, aber nicht alle Juden. Jesus bietet seinen neuen Bund an, aber er zwingt niemand, in seine offene Hand einzuschlagen. Menschen werden nicht zwangsweise in den neuen Bund überführt. Der Heilige Geist wird nicht wahllos über die Menschen geschüttet. Der Apostel Paulus sah eine Absicht Gottes darin, der seinen neuen Bund nicht nur den Juden zugänglich machen wollte, sondern allen Menschen. Dass nicht alle Juden auf einmal Jesus als Retter erkannten, gab den Heiden die Chance, auch zum Volk Gottes dazu zu stoßen. Wir erleben selbst, dass Gott wartet, bis wir bereit für ihn sind. Tote Punkte können zu Gelegenheiten werden, um innezuhalten, Sehnsucht nach neuem Lebensschwung, nach Vergebung und Neuanfang zu spüren, und bereit zu werden, Gottes Geist anzunehmen und sich seinem Wirken zu öffnen.

Der neue Bund heute

Als Christen leben wir im neuen Bund. Wir haben durch unseren Glauben an Jesus Christus Gottes Willen als Muttersprache geschenkt bekommen. Diese Muttersprache will gesprochen werden. Sonst kann auch bei uns leicht wieder ein toter Punkt erreicht werden, wo wir spüren, die Pedale bleiben stehen, weil wir die Verbindung mit Gottes Geist vernachlässigt haben, seine Kraft uns abhanden gekommen ist.

Um den Bund im Herzen zu leben, brauchen wir die Gemeinschaft mit Jesus Christus als zentrale Mitte unseres Alltags. Wo können wir mit ihm zusammen sein? Am sonntäglichen Frühstückstisch oder in der Gemeinde? Abends vor dem Fernseher oder im Hauskreis? Mit Freunden beim Jammern über die Last des Lebens oder beim Reden über das, was Gott uns bedeutet?

Tote Punkte verlieren ihre Schrecken, denn wir wissen, wo der Schwung für unser Leben herkommt.

Jesus gibt uns Kraft, wir werden unabhängig von allen anderen Versprechen, uns das Leben einfach zu machen.

Mit ihm zu reden und andere um Fürbitte zu bitten, stärkt uns und öffnet den Blick für die Zukunft.

Er kann uns von Schuld freisprechen und den Speicher leeren für neue Vokabeln und neue Einstellungen.

Er wird uns führen, dass wir mit unseren schwungvollen Tritten unser Fahrrad in die Richtung bewegen, die er uns zeigt.

Cornelia Trick


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