Mutige erste Schritte (4.Mose 27,1-8)
Gottesdienst am 8.9.2019 in Brombach

Liebe Gemeinde,
bei einem Kaffeetrinken mit Freunden lernten wir uns kennen. Bald waren wir bei ganz persönlichen Glaubenserfahrungen gelandet. Mein Gegenüber meinte, diese Erlebnisse würden vom Schicksal kommen. „Es ist alles vorherbestimmt und festgelegt“, so sagte er, „ich muss meinen Lebensweg annehmen, gelassen bleiben und hoffen, dass es ein guter Weg wird.“ Ich setzte meine Sicht daneben: „Gott will eine Beziehung zu uns. Er weiß unseren Weg im Voraus, aber legt ihn nicht fest. Es gibt Kreuzungen und Gabelungen, an denen ich abbiegen kann. Er kann meine Wege in die Irre wieder auf seinen Weg zurücklenken. Das geschieht nicht automatisch. Gott wartet auf meinen Impuls.“ Deutlich wurde in unserem Gespräch, wie weit unsere Vorstellungen auseinanderlagen. Für mich steht Gott zu mir in Beziehung. Er will in Kontakt mit mir sein und freut sich über meine Einflussnahme.

Eine Geschichte ist mir zu diesem Thema besonders ans Herz gewachsen. Es ist eine eher unbekannte Geschichte, nur eine Randnotiz in der Schilderung, wie Mose die Israeliten ins Gelobte Land führte. 40 Jahre waren die Israeliten nun schon durch die Wüste gezogen. Die erste Generation, die den Auszug aus Ägypten noch bewusst miterlebte, war inzwischen gestorben. Eine riesige Menschenmenge lagerte im Land Moab, heute Jordanien. Gott hatte Mose befohlen, das Volk zu zählen. Es war wichtig, einen Überblick über die Größe des Volkes zu bekommen, um den Familien einen entsprechend großen Wohnraum im neuen Land zuweisen zu können. Nicht das Faustrecht sollte entscheiden, sondern die Stämme sollten so viel Land erhalten, wie sie für ihre Sippen brauchten. 

So zogen die Stämme Israels einzeln an Mose vorüber. Auf einmal wurde es in der Männerversammlung unruhig. Fünf Frauen bewegten sich langsam nach vorne.

4.Mose 27,1-8
Zelofhad, der Sohn Hefers, der über seine Vorfahren Gilead, Machir und Manasse von Josef abstammte, hatte fünf Töchter hinterlassen: Machla, Noa, Hogla, Milka und Tirza. Diese kamen an den Eingang des Heiligen Zeltes und sagten zu Mose und dem Priester Eleasar vor den Stammesoberhäuptern und der ganzen Gemeinde: »Unser Vater ist in der Wüste gestorben. Er gehörte nicht zu den Anhängern Korachs, die sich gegen den HERRN aufgelehnt hatten, sondern er musste sterben, weil er wie alle anderen seiner Generation dem HERRN ungehorsam gewesen war. Er hat keine Söhne hinterlassen. Soll nun sein Name in Israel aussterben, nur weil kein männlicher Erbe da ist, der ihn weiterträgt? Gebt uns in der Sippe unseres Vaters einen eigenen Anteil am Landbesitz!« Mose bat den HERRN um eine Entscheidung und der HERR antwortete ihm: »Die Töchter Zelofhads haben Recht. Sie sollen neben den Brüdern ihres Vaters erbberechtigt sein und den väterlichen Grundbesitz erben. Zu allen Israeliten aber sollst du sagen: 'Wenn ein Mann stirbt, ohne einen Sohn zu hinterlassen, hat seine Tochter Anspruch auf sein Erbe.

Die Töchter Zelofhads bringen ihr Anliegen vor. Sollen sie leer ausgehen, nur weil sie Frauen sind? Soll die Sippe ihres Vaters untergehen, weil sie das falsche Geschlecht haben? Bemerkenswert ist, dass offenbar kein Mann die Frauen in der Schlange aufhält. Die Männer lassen sie gewähren. Vielleicht haben sie selbst Töchter und sind gespannt auf den Ausgang der Anfrage. 

Mose hält sich an das, was Gott ihm aufgetragen hat. Er soll das Land unter Männern aufteilen, von Frauen war keine Rede. Doch da er einen kurzen Draht zu Gott hat, verschwindet er im Zelt der Begegnung und fragt sicherheitshalber nach, wahrscheinlich nur, um die bestehende Praxis bestätigt zu bekommen. Doch die Antwort fällt überraschend anders aus: „Die Töchter Zelofhads haben recht! Diese neue Verordnung Gottes wird zur Grundsatzentscheidung. Immer, wenn keine Söhne in der Familie sind, erben die Töchter.

Die mutigen Schritte von fünf Frauen schreiben israelitische Rechtsgeschichte um. Was zur damaligen Zeit undenkbar schien, wird nun zum Alltag.

Verschiedene Impulse gibt uns diese Geschichte aus ferner Zeit.

Das Gottesbild
Das Alte Testament beschreibt Gott mit sehr menschlichen Zügen. Er wird als ein Gegenüber dargestellt, das sich freut, gefragt zu werden, das auf Moses Anliegen eingeht, das nicht ein ehernes Gesetz durchpeitscht, sondern mit den Menschen unterwegs ist und für neue Fragen neue Lösungen findet.

Ein solcher Gott passt zu unserer Lebenseinstellung. Auch unsere Einsichten verändern sich, unsere fest geglaubten Standpunkte sind einem stetigen Wandel unterworfen.

Eine Freundin erzählte mir von ihrer Auseinandersetzung mit ihrer Mutter. Sie warf ihr vor, mit den jüngeren Geschwistern viel nachlässiger und geduldiger umgegangen zu sein als mit ihr. Bei ihr stand in der Kindheit Gehorchen ganz oben auf der Liste der Erziehungsziele, für ihre Geschwister eher die Entfaltung, das Mündigwerden. Ihre Mutter war erschüttert, als sie die Vorwürfe ihrer Ältesten nach so vielen Jahren hörte, und antwortete betroffen: „Bei dir hatte ich andere Erkenntnisse als bei deinen Geschwistern. Ich habe meine Sicht geändert. Verzeih mir meinen engen Horizont in deiner Kindheit.“

So erscheint Gott in dieser Szene in der Wüste Moab. Er ist nicht der Puppenspieler, der seine Marionetten tanzen lässt und dabei das Drehbuch fest im Kopf hat, sondern will unsere Mitgestaltung. Das ändert immer wieder die Streckenführung durch unser Leben.

Neue Wege
Gottes Mitgehen und Eingehen auf uns hat Auswirkungen auf unser Leben mit Gott. Wir erleben schwierige Situationen, erleiden Verletzungen, müssen Trennungen verkraften, Krankheiten brechen über uns herein. Wäre Gott unser Puppenspieler, wir seine Marionetten, müssten wir diese Herausforderungen klaglos annehmen, uns darunter stellen wie unter einen Regenguss auf dem freien Feld und das Beste daraus machen.

Hier wird uns allerdings gezeigt, dass es durchaus erlaubt ist, mit Gott zu ringen. Wir dürfen, Jesus ist unser Türöffner, ins „Zelt der Begegnung“ wie Mose gehen, wir können beten und Gott fragen, was er sich bei diesem oder jenem gedacht hat. Wir können unsere Wünsche formulieren und hoffen, dass noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Klar, nicht jedes Anliegen wird Gott erhören, er ist eben auch kein Wünsche-Automat. Manche Fragen werden anders beantwortet als gedacht. Manche Fragen verändern sich in der Gegenwart Gottes. Doch Gott freut sich über die Begegnung mit fragenden, ringenden, bittenden Menschen. Er will mit uns unterwegs sein und bleiben. Und er kann auch überraschend antworten wie in diesem Fall bei Zelofhads Töchtern.

Doch bevor ich mutig bin und Gott bitte, die Situation zu ändern, muss ich mir klar werden, was ich eigentlich will. Will ich wirklich raus aus der Jammerecke? Ist es nicht bequemer, irgendwo unterzukommen, als sich selbst um Landbesitz zu kümmern? Will ich sein Eingreifen in meinem persönlichen Bereich? Da schwelt ein Konflikt seit Langem. Wir haben uns daran gewöhnt. Jetzt wieder alles aufrollen? Da weiß ich, dass ich dringend meinen Arbeitsbereich verändern sollte. Aber schaffe ich das auch? Da wird meine Wohnsituation zunehmend unerträglich, aber ist es nicht besser, ich bleibe, statt den ganzen Aufwand des Umziehens zu betreiben, und am Ende habe ich in der neuen Wohnung auch schwierige Nachbarn?

Diese Einwände hindern uns ja oft, es den Töchtern damals gleich zu tun und mutig Gott zu bitten, etwas zu ändern. Wir können mit ihm reden, ihn bitten, dass er uns in unserem Wollen Klarheit schenkt. Mir hilft, das auch schriftlich zu tun, mein Hin und Her festzuhalten. Es gewinnt dadurch Kontur, und ich kann leichter verfolgen, wie Gott antwortet, manchmal Schritt für Schritt, manchmal von heute auf morgen.

Die Frauen waren zu fünft. Vielleicht auch das ein Hinweis, dass ich Mitbetende und Mitstreitende brauche, die mit mir den Weg gehen und mir helfen, den Mut zur Veränderung wachsen zu lassen.

Veränderung und Zeit
Die Frauen haben einen großen Sieg errungen, aber wie so oft waren es dann doch zwei Schritte vor und einer zurück. Sie waren nun erbberechtigt, aber schon bald wurden einschränkende Bestimmungen getroffen. Sie sollten nur Männer aus dem eigenen Stamm heiraten, damit das Land im Besitz des Stammes blieb. Und bis zur Gleichberechtigung sollte es noch Jahrtausende dauern, der Prozess ist weltweit immer noch nicht abgeschlossen.

Jesus gab hierzu einen wichtigen Impuls, er begegnete Frauen in der gleichen Weise wie Männern, für seine Auferstehung wurden Frauen Osterzeugen. Doch auch da gab es bald wieder Rückschritte, Frauen wurden von der Verkündigung zurückgedrängt, durften bald nicht mehr das Abendmahl austeilen.

Wir brauchen einen langen Atem, wenn wir Veränderungen anschieben. Gott gibt uns grünes Licht, aber das heißt nicht, dass die Umsetzung sofort geschehen wird. Es braucht mehr als fünf Frauen für die Gleichberechtigung. Es braucht mehr als einen Impuls zur Versöhnung, zum Arbeitsplatzwechsel und zum Umzug. Es braucht manchmal Generationen, um einen falschen Weg zu korrigieren.

Doch das soll uns nicht abschrecken, mutig unsere Anliegen mit Gott zu besprechen. Jesus ist im Bunde und er tritt für uns ein, er weiß um unsere Nöte und wird sie mit uns dem Vater im Himmel ans Herz legen.

Meinem Gegenüber beim Kaffeetrinken hätte ich im Nachhinein gerne die Geschichte von Zelofhads Töchtern erzählt. Vielleicht hätte ihn das inspiriert, mit Gott Kontakt aufzunehmen und gespannt zu warten, was aus seiner Anfrage werden würde, wie Gott sie beantwortete.

Wirf deine Last ab, übergib sie dem HERRN; er selber wird sich um dich kümmern! Niemals lässt er die im Stich, die ihm die Treue halten(Psalm 55,23)

Cornelia Trick


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