Kommt zu Jesus
Gottesdienst am 29.06.2008

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
als eben ein paar Eltern aus der Gottesdienstgemeinde ihre Kinder mit Namen gerufen haben, die hier vorne bei den anderen Kindern saßen, konnten wir miterleben, wie die gerufenen Kinder sich erstaunt umdrehten, den Blickkontakt ihrer Eltern suchten und schon auf dem Sprung waren zu ihnen zu laufen. Wir haben diese Szene vorbereitet, um den Kindern den heutigen Wochenspruch zu verdeutlichen „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst mir!“ (Jesaja 43,1)

Wenn Gott uns bei unserem Namen ruft, ist es selbstverständlich, dass wir aufmerken und zu ihm laufen, denn wir gehören zu ihm. Das Volk Israel kannte Gott durch das prophetische Wort und die Lebensordnungen. Zu Gott zu kommen, bedeutete für das Volk, sich an Gottes Ordnungen zu halten. Jesus hat Gott sichtbar gemacht. Er rief die Menschen bei ihrem Namen, er rief sie aus Situationen der Schuld, der Krankheit, der Ausweglosigkeit, und viele von ihnen ließen sich rufen. 

Gott zu gehören, bedeutet nach wie vor, ihn zu hören, auf ihn zu achten, seine Lebensregeln zu beachten und an seinen Zielen mitzuarbeiten. So bringt es der 1. Petrusbrief zum Ausdruck, der Christen ermutigen wollte, die durch ihren Glauben in ihrer Umwelt isoliert waren, ausgegrenzt von Familie und Kollegen, und die dadurch immer wieder existenziell in Frage gestellt waren:

  • Wer setzt seine Hoffnung auf etwas, was man nicht sieht, auf einen, den sie nicht gesehen haben? (1. Petrus 1,8)
  • Wer bringt es fertig, nicht mitzumachen bei dem, was alle machen? (1. Petrus 2,1)
  • Wer will nicht zuerst die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen? (1. Petrus 4,4)
  • Wenn die Nicht-Christen völlig ungestört leben können, ist man wirklich auf dem richtigen Weg?
Der 1. Petrusbrief antwortet: Fallt nur nicht zurück in ein Leben ohne Christus. Isoliert euch nicht selbst von der so genannten bösen Welt. Sucht Anknüpfungspunkte: „Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand fragt, warum ihr so von Hoffnung erfüllt seid!“ (1. Petrus 3,15)
Der entscheidende erste Schritt heißt: Kommt zu ihm! Er hat euch beim Namen gerufen, dreht euch um, lauft zu ihm.

1. Petrus 2,1-10

Macht darum Schluss mit allem, was unrecht ist! Hört auf zu lügen und euch zu verstellen, andere zu beneiden oder schlecht über sie zu reden. Wie neugeborene Kinder nach Milch schreien, so sollt ihr nach dem unverfälschten Wort Gottes verlangen, um im Glauben zu wachsen und das Ziel, eure Rettung, zu erreichen. Ihr habt doch schon gekostet, wie gütig Christus, der Herr, ist. Kommt zu ihm! Er ist der lebendige Stein, den die Menschen als unbrauchbar weggeworfen haben; aber bei Gott ist er ausgesucht und wertvoll. Lasst euch selbst als lebendige Steine zu einem geistigen Haus erbauen, zu einer Priesterschaft, die Gott geweiht ist und die ihm, vermittelt durch Jesus Christus, Opfer darbringt, Opfer geistiger Art, an denen er Gefallen hat, nämlich den Opferdienst des ganzen Lebens. In den Heiligen Schriften heißt es: »Seht her, ich lege auf dem Zionsberg einen Stein, einen ausgesuchten, wertvollen Grundstein. Wer sich auf ihn verlässt, wird nicht zugrunde gehen.« Wertvoll ist dieser Stein für euch, die ihr euch auf Jesus Christus verlasst. Aber für die, die ihn ablehnen, gilt:
»Der Stein, den die Bauleute als wertlos weggeworfen haben, ist zum Eckstein geworden. An ihm stoßen sich die Menschen. Er ist zum Felsblock geworden, an dem sie zu Fall kommen.« An ihm stoßen sich alle, die dem Wort Gottes nicht gehorchen. Doch so hatte es Gott für sie bestimmt. Ihr aber seid das erwählte Volk, das Haus des Königs, die Priesterschaft, das heilige Volk, das Gott selbst gehört. Er hat euch aus der Dunkelheit in sein wunderbares Licht gerufen, damit ihr seine machtvollen Taten verkündet. Früher wart ihr nicht sein Volk; aber jetzt seid ihr das Volk, das Gott gehört. Früher galt euch nicht sein Erbarmen; aber jetzt habt ihr sein Erbarmen erfahren. 

Jesus, der Eckstein

Offensichtlich mussten die Christen daran erinnert werden, zu Jesus zu laufen. Vielleicht hatten sie vergessen, warum sie das tun sollten. Mag sein, sie verehrten Jesus wie einen toten, mit Moos überwucherten Gedenkstein. Der Gedenkstein ermahnte zwar sich zu erinnern, aber er hatte kaum Bedeutung für heute. Jesus, so schreibt es der Apostel eindringlich, ist ein lebendiger Stein. Er ist der Eckstein, Grundstein beim Errichten eines Gebäudes, von dem aus die Mauern ausgerichtet und hochgezogen werden, oder krönender Schlussstein. EcksteinWenn dieser Stein fehlt, ist das Gebäude nicht stabil und fällt zusammen. Gott gab diesem Eckstein schon durch die Vermittlung des Propheten Jesaja Bedeutung: „Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist.“ Dieser Stein sollte eine Inschrift haben: „Wer dem Herrn vertraut, weicht nicht von der Stelle.“ (Jesaja 28,16)

Der Apostel überträgt die Bedeutung des Ecksteins auf Jesus. Jesus ist mit den Worten des Propheten gemeint. Wer Jesus nicht als Grundorientierung des Lebens zulässt, wird keine Stabilität in sein Leben bekommen, über kurz oder lang wird sein Lebenshaus zur Ruine. Der Apostel wirft seinen Blick auch auf die Umgebung der ersten Christen. Die Ablehnenden werden um Jesus nicht herum kommen. Er wird sie aufhalten, und zu fallen ist besser als zu sterben. Petrus bestärkt die zweifelnden und fragenden Christen: Ihr seid auf dem richtigen Weg, ihr baut auf den entscheidenden Grundstein euer Leben auf.

Mit unserer Tochter lernte ich vor einiger Zeit die Merkmale aller Lebewesen. Sie treffen auf Jesus zu. Jesus hat einen Stoffwechsel. Er ist die Liebe, nimmt unsere Sorgen und Nöte auf und beschenkt uns mit seiner Liebe. Jesus bewegt sich. Er geht aktiv auf uns zu, stellt sich in den Weg, trägt uns. Jesus trägt die Merkmale des Wachstums. Er ruft Menschen zu Gott zurück und vergrößert die Familie Gottes.

Jesus ist kein Pilgerdenkmal, zu dem man eine Reise unternehmen sollte, um den toten Stein am Ziel zu küssen. Er hat etwas mit uns vor und will mit uns Gebäude bauen. Deshalb die eindringliche Aufforderung des Apostels: Überhört ihn nicht, werft euer Vertrauen nicht weg!

Bei Jesus – Muttermilch trinken

Ein weiteres Bild zeichnet der Apostel. Ein Kind wird an der Brust gesäugt. Mutter und neugeborenes Kind leben in einer innigen und ausschließlichen Beziehung. Das Neugeborene braucht diese Milch, nur so kann es wachsen, darüber hinaus erfährt es Geborgenheit und Zugehörigkeit und macht die Urerfahrung von Liebe und Vertrauen. Dieses Bild, das noch keine Flaschennahrung kennt, zeigt den Paradieszustand auf. Das Paradies ist das Land, in dem Milch und Honig fließt. Für Christen ist offenbar nichts anderes nötig, als diese Milch zu trinken. Dadurch erfahren sie tiefe Zufriedenheit, Unmittelbarkeit und Wärme.

Die Milch als Grundnahrung steht für das Wort Gottes. Um wachsen zu können und dem himmlischen Vater ähnlicher werden zu können, braucht es diese Milch. Das Wort Gottes ist keine Milch aus dem Supermarkt oder Milchpulver von Humana oder Milupa. Wenn zur Zeit des Petrusbriefes eine Frau nicht stillen konnte, brauchte das Kind eine Amme, die ihm Muttermilch geben konnte. Stillen war immer verbunden mit Beziehung, Wärme und Ausschließlichkeit. Übertragen wir das auf den Umgang mit Gottes Wort, wird etwas deutlich. Die Bibel ist keine Packung, die man kauft und in den Kühlschrank stellt. Sie will zu einem Wort in mir werden, mich bewegen und verändern. Sie ist ohne Beziehung nicht zu haben. Sie erschließt ihre Kraft erst in der Vermittlung durch Gottes Geist und in der Beziehung zu Jesus Christus.

Ganz praktisch bedeutet das, in der Bibel zu lesen, erfordert Nachdenken. Was will mir dieser Abschnitt sagen? Lese ich den Abschnitt nur kurz und lege ihn zur Seite ist es, als wenn ich mir die Milch über den Kopf fließen lasse, aber meinen Mund verschlossen halte. Denke ich nach, öffne ich mein Herz, meinen Verstand und lasse das Wort, das Gott mir heute sagen will, in mich eindringen. 

Das Gelesene will umgesetzt werden. Die Umsetzung scheitert häufig an unserer natürlichen Abneigung gegen Veränderung. So haben Studien eindeutig ergeben, dass wir uns beim ersten Lesen fast nur das merken können, was uns sowieso schon bekannt ist. Erst beim dritten und vierten Mal Lesen erschließt sich oft das Fremde und Neue. So macht es Sinn, einen Bibelabschnitt mehrmals zu lesen, sich aufzuschreiben, welche neuen Erkenntnisse sich aus dem Text ergeben, und dem nachzuspüren, was mich in Bewegung bringen will.

Besonders kritisch ist die Eingangstür der Kirche oder das Aufstehen vom Ort der persönlichen Andacht. Nehme ich das Erkannte mit? Oder lasse ich es zurück? Wird das Lesen der Bibel, das Genießen der Muttermilch Gottes Auswirkungen haben, mich wachsen lassen, mich dem Vater ähnlich werden lassen?

Bei Jesus – mich einbauen lassen

Jesus nährt uns, um uns ins „Haus des Königs“ einzubauen. Dafür müssen wir in Form gebracht werden. Ein Mittel, so haben wir es eben festgestellt, ist das Wort Gottes, das Nachdenken darüber und die Umsetzung des Erkannten.

Ein Mittel ist auch das Einpassen in vorhandene Steine. Dies geschieht durch Lernen in der Gemeinschaft der Glaubenden. Ich kann mich einfügen in diese Gemeinschaft an der Stelle, die Gott hier für mich vorgesehen hat. Eine spannende Frage dabei ist, ob ich so Lückenbüßer bin oder mich nach meinen Gaben und Begabungen entfalten kann. Eindeutig anders als in der freien Wirtschaft, wo zuerst die offene Stelle da ist, für die dann aus verschiedenen Bewerbern der Passendste ausgewählt wird, geht es beim Bauwerk Jesu zu. Da gibt es für jede freie Stelle genau die Person, die Jesus hier in die Gemeinde stellt.

Doch baut Jesus nicht lauter gleiche Reihenhäuser in dieser Welt. Jedes Bauwerk, jede Gemeinde und Kirche ist anders und mit anderen Steinen gebaut. Wir haben dabei eine sehr spannende Aufgabe, herauszufinden, wie Jesus unser Bauwerk Gemeinde geplant hat, welche Menschen an welcher Stelle stehen, welche Aufgaben zu tun sind und welche zu lassen sind. Jesu Platzanweisung ist entscheidend, nicht unsere Vorstellungen von Gemeindebau. Und dieses geistliche Gemeindehaus aus lebendigen Menschen wird immer wieder umgebaut. Kein Stein muss ewig am gleichen Ort liegen. Die Aufgaben können wechseln, die Positionen rotieren. Dieser lebendige Bau hat die Aufgabe, neue Menschen einzuladen zu Christus, sie aufzunehmen und auch ihnen den Ort freizuhalten, an dem sie nach Gottes Willen eingebaut werden sollen.

„Kommt zu Jesus!“ ist der Ruf des Apostels in einer schwierigen Zeit der jungen christlichen Gemeinde. So werden auch wir heute gerufen, uns wieder neu und vertrauensvoll in die innige Gemeinschaft mit Jesus zu begeben, seine Weisungen ernst zu nehmen und umzusetzen und uns voller Freude in seine Gemeinde einbauen zu lassen, bei der er der tragfähige Grund ist, der alle zusammen hält.

Herr Jesus, Grundstein der Gemeinde, von Ewigkeit bist du gelegt; du bist es, der mit ewgen Kräften und heilger Liebe alles trägt. Der Fels des Heils allein du bist für alle Zeit, Herr Jesus Christ. (Karl Eisele 1939)

Cornelia Trick


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