Jesus in unseren Händen (1.Korinther 2,1-5)
Gottesdienst am 9.2.2020 in Brombach

Liebe Gemeinde,
eine Bekannte von mir ist vor Kurzem Oma geworden. Sie reist nun oft zu ihren Kindern, um sie zu unterstützen. Davon erzählte sie mir. Wie sie sich nicht mit dem Baby auf dem Arm die Treppen herunter zu laufen traut, sie könnte stolpern und das Kind fallen lassen. Erst musste ich lachen, hatte ich die Bekannte doch in Erinnerung, wie sie ihre eigenen Kinder überallhin mitschleppte. Doch offensichtlich war ihr mit dem Enkelkind etwas so Kostbares anvertraut, dass sie äußerste Vorsicht walten ließ.

Nicht nur bei kleinen Kindern haben wir Angst, sie fallen zu lassen. Bei einem Umzug, bei dem ich mithalf, sollten auch kostbare antike Vasen bewegt werden. Ich weigerte mich, sie anzufassen, wollte nicht schuld sein, wenn sie zerbrachen. 

Paulus schrieb seinen ersten Brief an die Korinther, als er merkte, dass in der von ihm gegründeten Gemeinde manches falsch lief. Es gab Parteiungen, die drohten, zu Spaltungen zu führen, es gab unterschiedliche Auffassungen, wie Leben in der Nachfolge Jesu aussehen sollte, es gab ein gewisses Chaos beim Abendmahl, sodass das Essen nicht für alle reichte. Abendmahl wurde damals mit einem richtigen Festessen zelebriert. Bei diesen Missständen musste sich Paulus einschalten. 

Seinen Ermahnungen voraus schickte er einen Rückblick auf die Anfänge in Korinth. Es ging ihm bei der Gemeindegründung nicht darum, selbst groß herauszukommen oder bei dem Projekt gut auszusehen. Im Gegenteil, mit Jesus Christus hielt Paulus etwas sehr Kostbares in den Händen. Seine Hände zitterten vor lauter Ehrfurcht, er fürchtete, das Kostbare fallenzulassen. Er wollte das Augenmerk der Menschen um ihn herum nur auf das Kostbare in seinen Händen lenken, nicht auf sich selbst. Er verstand sich nur als Träger.

1.Korinther 2,1-5
Brüder und Schwestern, ich bin damals zu euch gekommen, um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. Ich bin aber nicht mit großartigen Worten oder mit Weisheit aufgetreten. Denn ich hatte beschlossen, bei euch von nichts anderem etwas wissen zu wollen als von Jesus Christus – und besonders davon, dass er gekreuzigt wurde. Ich trat mit einem Gefühl der Schwäche und zitternd vor Angst bei euch auf. Ich setzte bei meiner Rede und meiner Verkündigung nicht auf die Weisheit und ihre Fähigkeit zu überzeugen. Ihre Wirkung verdankte sich vielmehr dem Heiligen Geist und der Kraft Gottes. Denn euer Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes. 

Jesus sieht
Was Paulus in den Händen hält, nennt er „Geheimnis Gottes“, Jesus, den Gekreuzigten. Was macht Jesus so besonders, so kostbar, habe ich mich gefragt. Mir ist die Szene in den Sinn gekommen, als Jesus mit seinen Freunden nach Nain kommt (Lukas 7,11-17). Ein Trauerzug passiert die Straße, allen voran die Mutter des Toten, an ihrer Kleidung wohl als Witwe erkennbar. Offenbar stützt sie niemand, sie ist ganz allein. Jesus sieht diese Frau, er sieht ihre Not, ihren Kummer, er reagiert darauf, gibt ihr den Sohn lebendig zurück. Diese Szene steht für viele andere. Jesus sieht nicht nur die Witwe damals, sondern auch mich, meine Nachbarin, meinen Arbeitskollegen, den, der im Wartezimmer vor der Diagnose des Arztes Angst hat, und die, die sich in ihrem Beziehungschaos verstrickt hat. Jesus ist sensibel für unsere Lebenssituation. Er weiß, wo unser Schmerz steckt. Manchmal ist es der eigene, manchmal ist es der, den andere uns auf die Seele gelegt haben, manchmal haben wir Schmerzen beim Anblick unserer Lebenswelt. 

Jesus entrümpelt
Jesus sieht nicht nur den Schmerz, sondern er geht mit uns in diesen Schmerz. Nach Weihnachten machte sich in unserem Fahrradkeller ein penetranter Gestank breit. Woher kam er? Ein undichtes Rohr? Eine feuchte Wand? Rasendünger, der nass geworden ist? Auch ein erstes Suchen brachte kein Ergebnis. Ein bisschen graute mir vor dem kompletten Ausräumen, was würde ich finden? So machten wir uns zu zweit ran und schauten nach, tatsächlich, Hinterlassenschaften von Mäusen. Und am Morgen nach Aufstellen der Fallen bin ich auch nicht allein in den Keller, mein Mann half mir, das Gruseln vor der toten Maus in der Falle zu überwinden. 

Jesus geht mit uns in den Lebenskeller. Er entbindet uns nicht vom Mitkommen. Mir wäre es lieber, er würde sagen: „Bleib du mal im Wohnzimmer, ich regele das da unten für dich“. Aber so läuft es nicht. Wir müssen schon selbst mit hinunter, die Tür des Kellers aufschließen. Aber er ist dabei, er gibt uns Rückendeckung und nimmt uns den Seelenmüll ab, um ihn zu entsorgen. 

Was da alles liegen kann:

  • Sätze: „Du störst! Du bist nicht so, wie ich gehofft hatte. Du wirst das nie können, schaffen, hinbekommen. Ich mag dich nicht!“
  • Verpasste Möglichkeiten: auf den Feldern von Bildung, Beruf, Beziehungen, Partnerschaft.
  • Schuld: jemand etwas zugefügt zu haben und keine Entschuldung zu erfahren, die Schuld geht immer mit.
  • Wunden und Narben.
Jesus entsorgt, sein Kreuz ist die Müllkippe unseres Kellers.

Manchmal wird Jesus allerdings im Keller abgesetzt, man lässt ihn da unten wirken, Entrümpeln scheint seine einzige Aufgabe zu sein. Man selbst geht wieder seinem Alltag oberirdisch nach, als wäre nichts gewesen. Doch Jesus will noch viel mehr tun, als alle Jahre wieder unsere Keller zu entrümpeln. 

Jesus verändert
Bei unserem Mäusekeller wurde eine Metallschiene auf die Türschwelle geklebt, seither sind wir wieder mäusefrei, der Spalt unter der Tür ist geschlossen, und die Mäuse müssen sich ihr Futter woanders suchen. So hoffen wir, nie wieder die Fallen zu brauchen.

So macht Jesus das mit unserem Seelenkeller, er will uns durch seinen Heiligen Geist so verändern, dass wir seine Entrümpelung immer seltener brauchen. 

  • Er will unsere Sätze „Du störst!“ verändern: Ja, manche Menschen werde ich stören, aber Gott störe ich nicht, er will, dass ich da bin. 
  • Er will uns neue Möglichkeiten eröffnen. Ja, wir haben diese oder jene Gelegenheit verpasst, aber da wird stattdessen etwas Anderes möglich werden, das wird Gott uns zeigen.
  • Die Schuld hole ich mir nicht immer wieder aus der Seelenmülltonne, sondern lasse sie dort, Gott hat vergeben, weil Jesus für mich eingetreten ist.
  • Auch die Wunden und Narben werden mich zwar teils lebenslang begleiten, aber Tag für Tag erlebe ich in meiner Zeit mit Jesus, wie er sich darum kümmert und sie heilen lässt.
Aus dem Entrümpeln im Keller wird neue Lebensenergie. Das Alte muss nicht mehr belasten, ich kann fröhlich die nächsten Schritte wagen.

Wir wissen nicht, wie die Witwe mit ihrem Sohn in Nain weitergelebt hatte, ob sie für sich einen neuen Weg einschlagen konnte, aber in meiner Vorstellung machten die Beiden nicht weiter wie bisher. Sie hatten das Leben noch einmal geschenkt bekommen, sie wussten, dass Gott sie in ganz besonderer Weise auf diese neuen Chancen aufmerksam gemacht hatte, sie werden neue Möglichkeiten ergriffen haben. 

Vielleicht wurden sie zu einem Seelsorgezentrum im Ort. Leute kamen zu ihnen und konnten ermutigt werden, an Gott festzuhalten. Vielleicht gründeten sie ein Hospiz, Sterbenden hielten sie die Hand und erzählten ihnen von Gottes Liebe, die sie nie im Stich ließ, nicht in diesem Leben und nicht im zukünftigen. 

Jesus in unseren Händen
Paulus hatte Jesus in seinen Händen. Er war sich bewusst, dass das, was er in Händen hielt, wichtiger war als er selbst. Er brauchte nicht groß heraus zu kommen. Er gierte nicht nach Beifall für sein Predigen. Er konnte nicht nachvollziehen, was es einen Sinn haben konnte, sich in der Gemeinde aufzuspalten, weil jeder einen anderen Prediger bevorzugte. Sie alle in ihren unterschiedlichen Akzentuierungen waren nur Träger Jesu, nicht Jesus selbst.

Beziehen wir das heute auf uns, so können wir feststellen, dass wir wie Paulus damals Jesus auch in unseren Händen tragen und ihn weitergeben. Wie das aussehen kann gemäß Korintherbrief (1.Korinther 12):
Wir sind durch den Heiligen Geist befähigt, mir unseren Gaben anderen zu dienen, ihnen dadurch Jesus nahe zu bringen. Das sind manchmal außergewöhnliche Begabungen, aber auch die ganz unscheinbaren Gaben. Ich denke an einen Mann, der mit großer Liebe Hausmeister in seiner Gemeinde war. Immer wenn ich ihn traf, hatte er wieder ein neues Projekt im Gemeindehaus, um das er sich kümmerte. Kein Gang war ihm zu weit und keine Schraube zu unbedeutend, als dass er sich nicht darum kümmerte. Wenn er in Urlaub war, merkten das alle, im Zentrum der Gemeinde fehlte er, obwohl er nie eine Gruppe leitete, nicht besonders musikalisch war und auch kein Prediger war. Er diente Jesus mit seinen Gaben und war ein Zeugnis Jesu für die ganze Nachbarschaft.

Ich denke an eine Beerdigung. Eine alte Dame aus der Gemeinde war gestorben. Sie war eine intensive Beterin. Sie hatte eine Liste und betete täglich für alle, deren Anliegen sie kannte. In der Traueransprache sagte ich, dass ihr Platz nun leer sei. Noch auf dem Friedhof kam eine andere Frau auf mich zu. Sie hatte in der Trauerfeier den Ruf Jesu gehört und wollte den Platz dieser alten Beterin einnehmen. Das ist viele Jahre her. Neulich traf ich sie, und sie erzählte mir glücklich, dass sie nach wie vor bete, auch für mich, obwohl ich längst nicht mehr in ihrer Gemeinde lebe. Sie spinnt mit ihren Gebeten das Sicherheitsnetz unter der Gemeinde weiter, dass niemand aus Gottes Liebe fallen kann.

Jesus vertraut sich uns an. Es kommt nicht auf uns an, sondern auf ihn. Und selbst wenn uns diese Kostbarkeit aus den Händen rutschen sollte, Jesus ist letztlich nicht angewiesen auf unsere Hände, er kann für sich selbst stehen. Aber er adelt uns, dass wir dazu beitragen können, dass er wirkt und seine Liebe weitergeht.

Vor einigen Tagen hatten wir am Rande mal wieder ein Gespräch über den Applaus am Ende des Gottesdienstes. Mein Gesprächspartner meinte, ihn würde das immer merkwürdig berühren, wenn die Tastenspieler nach dem Nachspiel beklatscht würden. Ich empfinde ganz anders. Es ist unsere kulturelle Prägung zu klatschen, wenn wir begeistert sind. Und wir sind hier hoffentlich immer wieder begeistert von Jesus, der uns berührt, mit dem wir in unseren Seelenkeller steigen können, der aufräumt und mit uns wieder ans Licht geht. Er wirkt hier, das beklatschen wir, und wir freuen uns zutiefst, dass er sich uns anvertraut, auch den kleineren oder größeren Händen der Musiker, die Jesus in unsere Herzen bringen.

Unser Glaube sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen, sondern aus der Kraft Gottes. (1.Korinther 2,5)

Cornelia Trick


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