Gemeinde – einig und vielfältig (1.Korinther 1,4-9)
Gottesdienst am 2.2.2020 in Brombach

Liebe Gemeinde,
beim Kaffeetrinken unterhielten wir uns über Glauben und Kirche. Einer meinte, er könnte nicht begreifen, warum nicht alle Kirchen gemeinsame Sache machen würden. Die Aufspaltung in verschiedene Glaubensrichtungen beschädige doch die Glaubwürdigkeit und nähme Kraft. Am Abend desselben Tages hielt ich eine Predigt in einer anderen Gemeinde, es war Allianzgebetswoche. Eine Frau stellte mir am Ausgang die Frage: „Sagen Sie mir doch jetzt mal, was Besonderes an den Methodisten ist?“ Ich erzählte ihr von John Wesley, unserem Kirchenvater im 18.Jahrhundert in England, was ihm wichtig war, was uns heute noch wichtig ist. Ihre Antwort: „Ja, das glauben und leben wir doch auch in unserer Evangelischen Gemeinschaft. Warum machen wir dann nicht gemeinsame Sache?“

Gerade werden wir durch die ökumenische Bibellese durch den 1.Korintherbrief geführt. Er spiegelt ein sehr frühes Stadium der Kirchengeschichte wieder. Es gab eine christliche Gemeinde in Korinth, noch nicht die Vielzahl an Gemeinden, wie wir sie allein in unserem Umkreis finden. Aber diese eine erste Gemeinde in Korinth deutet Entwicklungen an, die zu unserer Situation heute geführt haben.

Paulus schrieb den Korinthern, nachdem er Anfragen von ihnen bekommen hatte und über gewisse Vorfälle informiert worden war. Als Gründer dieser Gemeinde lag ihm viel an den Korinthern. Er wollte mit seinem Brief helfen, dass sie den Auftrag Jesu wieder neu entdeckten und sich nicht in Befindlichkeiten verstrickten.

Vielleicht gibt Paulus damit auch uns Antwort auf die Frage, wie wir Einheit als Christen leben können, obwohl wir in verschiedenen Gemeinden mit unterschiedlichen Prägungen zuhause sind.

1.Korinther 1,4-9
Ich danke meinem Gott immer wieder für die Gnade, die er euch durch Christus Jesus geschenkt hat. Durch ihn hat Gott euch an allem reich gemacht: Reich an der Fähigkeit zu reden und reich an Erkenntnis. In gleicher Weise hat Gott der Botschaft von Christus bei euch einen festen Grund bereitet. Deshalb fehlt euch keine der Gaben, die er in seiner Gnade schenkt. So vorbereitet, erwartet ihr das Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus. Gott wird euch helfen, bis zum Schluss fest auf diesem Grund zu stehen. So kann an dem Tag, wenn unser Herr Jesus Christus kommt, keine Anklage gegen euch erhoben werden. Gott ist treu. Er selbst hat euch berufen zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.

Eine großartige Gemeinde …
Paulus beginnt mit Dank für die Gemeinde. Er dankt für die Gnade Gottes, die an der Gemeinde sichtbar wird. Ich habe mich gefragt, was sich hinter dem Begriff Gnade Gottes verbergen könnte:

Die Korinther sind Jesus ohne eigene Aktivität begegnet. Sie hatten ja noch nicht einmal gewusst, dass es ihn überhaupt gab, weit weg von Jerusalem, unkundig in den Schriften der Bibel. Jesus hatte sich jedem und jeder Einzelnen in den Weg gestellt und sie an die Hand genommen. Jesus führte die Einzelnen zusammen zu einer Gemeinschaft und formte selbst die Gemeinde. 

Mir kommt dazu eine Situation aus Jungschartagen. Wir waren unterwegs bei einer Nachtwanderung, ca. 20 Leute. Wir sollten uns ein bisschen verstreuen. Es war wahrscheinlich Neumond oder bewölkt, jedenfalls sah ich kaum die Umrisse des nächsten Baumes, geschweige denn einen anderen aus der Gruppe. Es war gruselig. Wahrscheinlich war ich ja nur wenige Minuten auf mich allein gestellt, es dehnte sich für mich zur Ewigkeit. Da endlich sah ich eine Taschenlampe von Ferne leuchten, sie gab mir Orientierung. Ich hörte die Stimme der Jungscharleiter und war bald wieder zurück am Sammelplatz. 

Im Geländespiel des Lebens irrten die Korinther durch einen dunklen Wald. Da sahen sie Jesus, das Licht, er sprach sie an, er sammelte sie ein, sodass sie bald am Sammelplatz „Gemeinde“ waren und dort in Sicherheit.  Das ist Gnade, Jesus sucht uns im Geländespiel unseres Lebens, findet uns und bringt uns zum Sammelplatz, wo wir ihn erleben, aber auch die Gemeinschaft der anderen als Hilfe, Stärkung und Schutz.

Die Gemeinde strahlt die Freude über diese Gnade aus, die Gnade wird sichtbar. In Korinth gestalteten die Gemeindeleute ein reiches Gemeindeleben, es wurde über Gott nachgedacht, gebetet, Gott gelobt mit Händen und Füßen, die Gaben des Geistes waren überreich vorhanden, viele konnten predigen, lehren, in Sprachen reden, Heilungen geschahen, einige hatten prophetische Eindrücke. Die Gemeinde stelle ich mir vor wie ein kleines Fußballstadion, Begeisterung, Freude und Sieg wurden gefeiert.

… und was hinter den Kulissen geschah
Doch Paulus wusste, dass es in der Gemeinde auch noch eine andere Realität gab. Man hatte sich in verschiedene Parteien aufgespalten. Die einen meinten, dass sie Petrus Verkündigung folgen sollten, die anderen hielten Apollos hoch, einen charismatischen Prediger, der sie für sich einnahm, wieder andere hielten sich zu Paulus, und eine Partei meinte, sie wäre die, die Jesus am wörtlichsten vertreten würde. Sie stritten darum, wer Recht hatte, und verloren nach und nach aus dem Blick, dass sie zusammengehörten und nur Jesus ihre Mitte war.

Unsere Kirche kennt diese Realität sehr gut aus eigenem Erleben. Seit Monaten ringen wir darum, mit unterschiedlichen Erkenntnissen, wie Jesus Homosexualität beurteilen würde, zusammenzubleiben oder uns zu trennen, weil die Spannung zu groß wird. So wird Paulus Ausführung sehr aktuell.

Der Apostel ruft dazu auf, sich darauf zu besinnen, worin sich Christen einig sind:

  • Jesus gibt uns die Liebe Gottes ins Herz, die uns verändert. Er übernimmt unsere Pakete an Schuld, Verletzungen und Schmerzen, trägt sie ans Kreuz.
  • Wir können Jesus vertrauen, Gott will das Beste für uns, dafür steht Jesus ein.
  • Wir können Jesu Kraft, seinen Geist in Anspruch nehmen. Aus dieser unerschöpflichen Quelle holen wir unseren Mut, unsere Motivation, unsere Liebe.
  • Jesus ruft uns zum „Sammelplatz Gemeinde“. Die Gemeinde gibt uns Gemeinschaft, fördert uns, und mit ihr können wir in dieser Welt wirken.
In diesen Grundaussagen werden wir mit allen Christen aus ganz unterschiedlichen Gemeinden einig sein. 
Doch wie sieht diese Einheit aus? 

Vom Weihnachtsmarkt brachte ich vor Jahren einen geschliffenen Glasanhänger fürs Fenster mit. Wenn die Sonne nun durchs Fenster scheint, leuchtet das Kristall in allen Regenbogenfarben je nach Lichteinfall. Mal grün, mal in allen Farben gleichzeitig, mal nur hell. An diesen Glasanhänger denke ich, wenn ich mir Einheit der Gemeinde vorstelle. Der Korpus unseres Glaubens, Jesus Christus, ist für uns alle der Mittelpunkt. Doch je nach Standort haben wir unterschiedliche Schwerpunkte und Sichtweisen. Das betrifft verschiedene Felder unseres Glaubens:

  • Die Bibelinterpretation: Manche setzen voraus, dass die Bibel wörtlich zu verstehen ist. Für sie ist die Welt in sieben Tagen erschaffen worden, und Gebote aus einer anderen gesellschaftlichen Situation gelten nach wie vor. Andere hingegen lesen die Bibel als ein Zeugnis von Menschen, die mit Gott unterwegs waren, in der engen Verbindung zu ihm aufgeschrieben haben, was sie damals erlebten. Die gleichen Aussagen, die die einen wörtlich nehmen, sind für die anderen Glaubensaussagen, die in unsere Zeit transportiert werden müssen. 
  • Christsein im Alltag: Wir alle sind uns wohl einig, dass Jesus uns zu Nächstenliebe, individueller Hilfe und Uneigennützigkeit aufruft. Doch für einige geht es weiter, sie sehen darin auch einen Aufruf, sich politisch für die Beseitigung von Unrecht einzusetzen oder sich für die Bewahrung der Schöpfung stark zu machen. Wieder andere meinen, dass das Wichtigste ist zu beten, und alles andere tut der Herr, auch das beruht auf Aussagen Jesu.
  • Das Wiederkommen Christi am Ende der Zeiten: Klar sagte Jesus, dass er am Ende dieser Welt wiederkommen wird, um sein Reich heraufzuführen. Auch das wird unterschiedlich gelesen. Man geht davon aus, dass Jesus seinen Plan verfolgt und unsere Aufgabe ist, die Gemeinde auf sein Kommen vorzubereiten, oder man pflanzt trotz drohendem Weltende Apfelbäumchen, solange es geht, denn niemand weiß Tag oder Stunde, wann Jesus wiederkommt.
Jede dieser Aussagen gründet auf Aussagen der Bibel, die Etiketten „richtig“ oder „falsch“ verfehlen den Sachverhalt. Viel wichtiger ist es wohl, offen zu sein für neue Wege, Jesus die Chance zu geben, uns auch von sicher geglaubten Pfaden herunterzuholen. Schauen wir uns die Geschichte der ersten Gemeinden an, dann merken wir, dass die Öffnung für die Heidenmission dazu geführt hat, dass das Evangelium in die Welt gehen konnte, unglaublich für Juden der damaligen Zeit, aber geistgewirkt und von Gott gesegnet.

Zusammenbleiben trotz Farbspektrum
Ich gehe nochmal zurück zum Sammelplatz im Wald. Da sollten wir uns Zeit nehmen und etwas verweilen.

  • Wir vergewissern uns, auf derselben Grundlage des Glaubens zu stehen, Jesus für und mit uns. Wir beten miteinander, wir feiern Abendmahl und lassen und uns das Brot von unserem Herrn schenken. Wir haben Interesse aneinander, wollen wissen, was den anderen bewegt.
  • Wir akzeptieren, dass wir zu manchen Themen unterschiedliche Erkenntnisse und Meinungen haben. Wir nehmen es an, dass Jesus die Gemeinde in ihren Spektralfarben leuchten lassen will, obwohl Uniformität für uns leichter wäre. Wir setzen uns dafür ein, dass jeder und jede bei uns Lebensrecht hat.
  • Wir bleiben miteinander im Gespräch, wie wir das am Familientisch tun. Wir können streiten, aber wir können uns auch versöhnen. Bei uns siegen die besseren Argumente, nicht die lauteste Stimme oder der dickste Geldbeutel. Wir sind kreativ und finden Kompromisse und Übergangslösungen. Manchmal geht es nicht gleich von weiß nach schwarz und umgekehrt, da hilft es, die Grautöne zu leben und Provisorien zu schaffen. 
  • Wir dürfen unsere Meinung ohne Gesichtsverlust ändern. Als ich nach und nach meine Gewohnheiten umweltgerechter veränderte, bekam ich öfter zu hören: „Wir haben das schon immer gemacht, aber als wir z.B. Wasser aus der Leitung getrunken hatten, hast du uns damals ausgelacht.“ Ja, habe ich, ich kann mich daran erinnern. Aber das soll mich nicht davon abhalten, es nun anders zu machen. Und eigentlich sind die Kommentare auch überflüssig, sie helfen mir nicht. Wie freue ich mich, wenn ich auch im Bezug auf meinen Glauben neue Erkenntnisse geschenkt bekomme und nicht gleichzeitig zu hören bekomme: „Siehste, das haben wir dir doch schon immer gesagt!“ Solche Kommentare führen ja eher dazu, dass man in seiner Meinung beharrt, weil man Gesichtsverlust fürchtet.
  • Wir lesen die Bibel für heute. In der Jungschar behandeln wir gerade die Könige Israels. Scheinbar sind das Geschichten aus 1000+1 Nacht. Doch sie haben eine Botschaft für heute. Es geht um Ehrlichkeit, Vertrauen, Weisheit, Umgang mit Feinden und Freunden. All das ist Thema unseres Alltags, und wir brauchen Gottes Hilfe, um ihn zu bestehen.
Haben wir am Sammelplatz eine Pause eingelegt, können wir wieder weitergehen, auch in unterschiedliche Richtungen und Gemeinden. Solange wir immer wieder leicht zum Sammelplatz zurückkehren können, dürfen wir unser Farbspektrum leben und werden dadurch ganz verschiedene Menschen ansprechen. 

Kirche 2020
Die Gemeinde Jesu ist nur glaubwürdig im Miteinander und in der Einheit des Glaubens. Spaltende Themen gab es in Korinth, und es gibt sie heute. Doch hilft es, das Gemeinsame zu leben und zu kommunizieren, um Lösungen auch für das Trennende zu finden:

Glaube an Jesus bedeutet

  • er ist mit uns auf dem Weg und verändert uns auf dem Weg, dass wir offen werden für seine Führungen,
  • er schenkt uns Heimat und Geborgenheit, die wir in unserer Gemeinde erleben,
  • unser Glaube ist wie Sprudelwasser, wir kommen in Bewegung, und je mehr die Flasche geschüttelt wird, desto mehr fließt von Gottes Liebe über in die Welt,
  • unser Glaube hat Konsequenzen, und über die sollten wir ins Gespräch kommen, streiten, uns öffnen für die besseren Argumente und darauf vertrauen, dass Jesus uns nicht in die Irre gehen lässt.
Gott ist treu. Er selbst hat uns berufen zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn(1.Korinther 1,9)
Cornelia Trick


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